Eine warnende Uferschnepfe.

Eine warnende Uferschnepfe.

Foto: Christoph Heilscher

Erleben

Die Insel der Vögel

Die Luft ist voller Musik. Diese Konzertbühne gehört zu den eindrucksvollsten und letzten ihrer Art in Norddeutschland. Sie liegt mitten in der Weser. Die Hauptdarsteller sind Uferschnepfen, Kiebitze und Rotschenkel – Wiesenvögel, einst weit verbreitet in den Marschen Norddeutschlands. Heute sieht und hört man sie in größerer Zahl nur noch in Schutzgebieten.

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Eines davon ist die Weserinsel Strohauser Plate. Sie liegt auf der westlichen Weserseite zwischen Rodenkirchen und Golzwarden, vom Festland getrennt durch den Weser-Nebenarm Schweiburg. Die Plate ist gut sechs Kilometer lang und rund 450 Hektar groß, eine Landschaft aus Röhricht, Prielen, Gräben und extensiv genutzten Wiesen und Weiden.

Mit kräftigen Ruderschlägen setzt Jörg Fasting das Ruderboot über die Schweiburg. Der Wind fährt ihm ins dunkle Haar. Die Flussfahrt ist kurz. Die Schweiburg ist nicht breiter als hundert Meter. Jörg Fasting vertäut das Boot an dem kleinen Insel-Anleger. Er hält auf der Plate 130 Mutterkühe der Rasse Limousin. Ein Biobetrieb. Die Rinder sind hier als Landschaftspfleger tätig. Sie halten die Wiesen kurz für Kiebitz & Co., damit diese beim Brüten den Überblick behalten und die Küken, wenn sie geschlüpft sind, sich nicht in einem Gräserdschungel verheddern.

Die Plate ist für Wiesenvögel ein Paradies. Hier geht es um sie. Landwirtschaft dient dem Naturschutz. Die Natur muss sich nicht ihre Nische in einer intensiv genutzten Landschaft suchen – die sie immer seltener findet. Die Plate ist Domänenland, gehört dem Land Niedersachsen. Naturschutzfachlich verwaltet wird sie vom Landkreis Wesermarsch. Die verschiedenen Akteure arbeiten zusammen, um eines der letzten Refugien für Wiesenvögel zu erhalten.

Um 90 Prozent zurückgegangen

Der Dachverband deutscher Avifaunisten hat in diesem Jahr eine Bestandsaufnahme der Vogelwelt in Deutschland veröffentlicht. In gut zwei Jahrzehnten ist die Zahl der Kiebitze um 90 Prozent zurückgegangen. Tendenz weiter fallend. Bei anderen Arten der freien Landschaft wie Feldlerche und Rebhuhn geht die Entwicklung ebenso steil nach unten. Die moderne Landwirtschaft rollt über sie hinweg.

Blick über die Wiesenlandschaft der Strohauser Plate.

Blick über die Wiesenlandschaft der Strohauser Plate.

Foto: picture alliance / dpa

Die Wesermarsch mit ihrem Grünlandanteil von mehr als 80 Prozent bot vielen Wiesenvogelarten noch einen Lebensraum, als dieser anderswo schon längst verschwunden waren. Doch auch das ist dort nicht mehr der Fall, wo nur noch Einheitsgras wachsen darf, das fünfmal im Jahr geschnitten wird.

Auf der Plate kann man besichtigen, wie vielfältig an Fauna und Flora eine Kulturlandschaft sein kann. Der Konzertsaal ist im Frühjahr jeden Tag geöffnet. Die Lerche steht mit strammem Flügelschlag im blauen Himmel und schmettert ihr Lied. Kiebitze jagen mit einem lauten „Kuiwitt“ über die Wiesen, schlagen Purzelbäume in der Luft. Die Uferschnepfen lassen ihren durchdringenden Warnruf Ruf erklingen, während Rotschenkel auf den Weidepfählen sitzen, schauen und aufgeregt „tüüt tüüt tüüt“ rufen. Tüter hat man sie deshalb früher auch genannt.

Naturschutzgebiet

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Uferschnepfen- und Kiebitzbrutpaare auf der Plate deutlich gestiegen. Knapp 120 Kiebitzpaare brüten auf der Insel, rund 60 Paare der Uferschnepfe und rund 30 Paare Rotschenkel. Und das auf rund 180 Hektar Grünland. Westlich der Plate liegen die Wiesen des Strohauser Vorlandes. Plate und Insel bilden zusammen ein 1150 Hektar großes Naturschutzgebiet.

Die hohe Zahl an Brutpaaren ermöglicht den Wiesenvögeln eine perfekte Luftabwehr. Fliegen eine Krähe, ein Bussard oder eine Möwe über die Brutflächen, werden sie sofort attackiert. Kiebitz, Uferschnepfe und Rotschenkel steigen nach und nach auf und fliegen in hoher Geschwindigkeit auf den Eindringling zu, bis der entnervt abdreht. Werden die Vogelkolonien zu klein oder brüten die Wiesenvögel gar als Einzelpaare, funktioniert dieser Abwehrmechanismus nicht mehr. Dann werden die Gelege meist Opfer von Räubern.

Gegen die vierfüßigen Räuber hilft auf der Strohauser Plate Jens Kleinekuhle. Er ist Berufsjäger. Er nimmt Füchse, Marderhunde und andere Raubtiere ins Visier, die den Wiesenvögeln gefährlich werden könnten. Und das mit Erfolg. Dabei spielt dem Wiesenvogelschutz in die Karten, dass die Zahl der Raubsäuger auf der Insel ohnehin geringer ist als auf dem Festland und dass der Bestand besser kontrolliert werden kann.

Brutzahlen steigen

Wiesenvögel ernähren sich von Würmern und Insekten. Die picken sie am Boden und ziehen sie mit ihren langen Schnäbeln aus der Erde. Damit das gelingt, darf der Boden nicht zu hart sein. Auf der Plate werden die Wasserstände in den 19 Kilometern laufenden Gräben so gesteuert, dass der Boden stocherfähig bleibt, aber auch nicht auf Dauer zu nass ist. Denn dann wäre keine Landwirtschaft mehr möglich. Und die Vögel hätten keine Würmer mehr zu picken.

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In solchen gemanagten Schutzgebieten wird derzeit das Überleben der Wiesenvögel gesichert. Nicht nur auf der Strohauser Plate steigen die Brutzahlen. Auch am Dümmer und am Fehntjer Tief in Ostfriesland. Dagegen sind die Bestände in EU-Vogelschutzgebieten mit geringerem Schutzstatus rückläufig. Und außerhalb der Schutzgebiete sind die Wiesenvögel meist verschwunden.

Mehr als 50 Vogelarten

Mehr als 50 Vogelarten brüten auf der Plate. Die eine Hälfte der Insel ist von extensiv genutztem Grünland bedeckt, die andere von einem Meer aus Röhricht. Dort ist eine ganz andere Vogelwelt zu Hause. Zwischen den Schilfhalmen bauen Teich- und Schilfrohrsänger, Rohrschwirle, Blaukehlchen und Bartmeisen ihre Nester. Am Boden des Röhrichts brütet die Rohrweihe, ein großer Greifvogel. Das Schilfmeer der Strohauser Plate bildet das größte zusammenhängende Röhricht im Unterwesergebiet.

Ruhig tauchen die Ruderblätter ins Wasser der Schweiburg ein. Das Ruderboot nimmt Kurs aufs Festland. Eine Rohrweihe gaukelt überm Schilf, Rohrsänger trällern um die Wette, Kiebitze schwirren in der Ferne über den Wiesen, Uferschnepfen rufen. Es ist schön zu wissen, dass es solche Naturparadiese auch in unserer intensiv genutzten Landschaft noch gibt.


Fahrten auf die Plate

Vor der Corona-Epidemie wurden sowohl Fahrten an der Plate entlang mit dem Dielenschiff „Hanni“ als auch naturkundliche Exkursionen auf die Insel angeboten. Wann die Fahrten wieder stattfinden, steht derzeit noch nicht fest. Interessenten können sich an die Tourismus-Information der Gemeinde Stadland wenden, 04732/8989.

Die Strohauser Plate aus der Luft, aufgenommen im Hochsommer.

Die Strohauser Plate aus der Luft, aufgenommen im Hochsommer.

Foto: kzw

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