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Als die Amerikaner die Seestadt verließen
Heute Amerikaner in Bremerhaven

Als die Amerikaner die Seestadt verließen

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Waschmaschinen. Aufgereiht stehen sie im Frühjahr 1993 zu Hunderten an der Bremerhavener Rudloffstraße zum Verkauf. 25 Dollar pro Stück. Ein Schnäppchen. Sie sind eines von vielen Überbleibseln der Amerikaner, die in diesen Tagen nach 48 Jahren ihre Zelte in Bremerhaven endgültig abbrechen. Rund 1200 deutsche Zivilbeschäftigte verlieren ihren Job.

Kreis-Icon-Nordstern

Spätestens im Juli 1990 wird auch dem größten Optimisten klar, dass der Abzug der Amerikaner aus Bremerhaven inzwischen mehr als nur ein reines Gedankenspiel ist. Bei einer Betriebsversammlung, die die NORDSEE-ZEITUNG einen Tag später als „Horrorfilm für die Beschäftigten“ beschreibt, erfahren rund 700 der 1200 Zivilangestellten der US-Army in Bremerhaven, dass bis Ende des Jahres eine Studie erstellt wird, in der geklärt werden soll, ob auf Teile oder sogar die gesamte Basis in Weddewarden verzichtet werden kann.

Aus und vorbei: Rund 1200 Angestellte bekommen ihre Kündigung.

Aus und vorbei: Rund 1200 Angestellte bekommen ihre Kündigung.

Foto: NZ-Archiv

Der Befehl kommt von ganz oben, verkündet Kommandeur James Becker den entsetzten Mitarbeitern. Der Oberbefehlshaber der US-Army in Deutschland verlangt die Studie als Reaktion auf die Ankündigung von Präsident Bush, die Truppen in Europa von 260.000 auf 195.000 Soldaten zu reduzieren. Es ist eine Folge der Abrüstung im Zuge des Tauwetters zwischen West und Ost und dem sich abzeichnenden Ende des Kalten Krieges. Es ist der Anfang vom Ende der amerikanischen Zeit in der Seestadt. Wenige Monate später erklärt der US-Botschafter, dass der Standort in Bremerhaven noch eine Galgenfrist von zwei Jahren habe.

Massive Folgen

Die Maschinerie läuft auf Hochtouren, 1991 veröffentlicht die Gewerkschaft ötv zusammen mit der Universität Bremen und der Arbeiterkammer eine Studie mit dem Titel „Truppenabzug ohne Arbeitslosigkeit“. Die vier Autoren, darunter der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Dr. Rudolf Hickel, kommen zu dem Schluss, dass nur massive Investitionen des Bundes die Folgen einer Reduzierung oder gar des gesamten Truppenabzugs abmildern können.

Ihre Empfehlung ist Konversion, also die Umwandlung von militärischer in zivile Wirtschaft. Spätestens mit der Studie wird jedoch klar, dass der Truppenabzug massive Folgen für Bremerhaven und die Region haben würde. Die US-Streitkräfte waren zu diesem Zeitpunkt fünftgrößter „Betrieb“ in der Seestadt, der allein 1989 Aufträge im Wert von 35 Millionen Mark vergeben hatte. Ein Abzug hätte also nicht nur Folgen für die deutschen Beschäftigten der US-Army, sondern weit darüber hinaus. So geht die Studie davon aus, dass allein bei der BLG 70 Arbeitsplätze unmittelbar von den Amerikanern und weitere 200 Jobs in Handel und Gaststättengewerbe von den Amerikanern abhängig seien.

Doch der Lauf der Dinge lässt sich nicht aufhalten. Nach einer letzten „Blüte“ des Standortes Ende 1990 mit dem Golfkrieg, geht die Ära der Amerikaner in Bremerhaven unaufhaltsam dem Ende entgegen. Einen ersten Vorgeschmack bietet der Abzug der Kampf-Truppen aus Garlstedt. Die Soldaten bekommen ihren Abmarschbefehl am 27. November 1991.

Kündigungswelle droht

Oberstleutnant James Nowlin

Oberstleutnant James Nowlin

Foto: NZ-Archiv

Im Februar 1992 werden die deutschen Beschäftigten erneut zu einer Betriebsversammlung eingeladen. Von Oberstleutnant James Nowlin erfahren die schockierten Mitarbeiter, dass die Carl-Schurz-Kaserne im Folgejahr geräumt werden soll. Alle vom US-Militär belegten Gebäude und Grundstücke sollen an die Bundesregierung zurückgegeben werden.

Dem Vorsitzenden der Betriebsvertretung, Reinhard Hensel, verbleibt die traurige Pflicht, auf die Folgen hinzuweisen: Die erste große Kündigungswelle wird für Mai/Juni angekündigt, schreibt die NORDSEE-ZEITUNG damals. Ein trauriger, wenngleich auch erwarteter Augenblick für die 1200 Beschäftigten. Einer von ihnen kommentiert das am Rande der Veranstaltung mit den Worten: „Erst wurde uns von den Amerikanern bei jeder Gelegenheit gesagt, wie gut wir sind – und jetzt werden wir wie die Lämmer zur Schlachtbank geführt.“

Farewell-Party

Zwei Monate später wird ein grober Ablaufplan für den Abzug öffentlich. Demnach soll der Abzug bis Oktober 1993 abgeschlossen sein, als letzter Schritt soll im September die Kaserne geräumt werden. In Summe sind das 225 Gebäude mit 160.000 Quadratmetern Geschossfläche.

Am Ende geht der Abzug der Amerikaner dann aber sogar schneller als geplant. Noch vor Jahresende 1992 rollt die letzte Kündigungswelle auf die Beschäftigten zu. Am 27. Dezember 1992 gibt es schließlich eine große Farewell-Party in der Bremerhavener Stadthalle mit 5000 Gästen. Zu Glenn-Miller-Musik feiern Amerikaner und Deutsche ein letztes Mal zusammen und blicken auf fast fünf Jahrzehnte Gemeinsamkeit zurück.

1993 folgt vor allen Dingen das „Großreinemachen“: Im PX ist Ausverkauf. AFN geht am 31. März 1993 zum letzten Mal mit der Ansage „AFN Bremerhaven“ über den Äther. Am 5. Juni 1993 schließt das Haupttor der Carl-Schurz-Kaserne für immer. Eine Ära in Bremerhaven ist zu Ende.

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