Der britische Dampfer „Selby“ brachte im Frühjahr 1939 Übersiedlungsgut von Hamburg nach London.

Der britische Dampfer „Selby“ brachte im Frühjahr 1939 Übersiedlungsgut von Hamburg nach London.

Foto: Gustav Werbeck

Der britische Dampfer „Selby“ brachte im Frühjahr 1939 Übersiedlungsgut von Hamburg nach London.

Heute

Auf den Spuren des Nazi-Raubguts in Bremerhaven

Letztlich war den jüdischen Deutschen, denen die Emigration gelang, ihr Leben geblieben. Immerhin. Dem Tod in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie entgingen sie. Zuvor aber mussten sich die meisten Emigranten vom NS-Staat ausplündern lassen. So bot der Kriegsbeginn 1939 der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) einen Anlass, das in den Häfen lagernde jüdische Eigentum zu beschlagnahmen. Im Interview erläutert Dr. Kathrin Kleibl, Provenienzforscherin des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM), warum und wie sie dem Raubgut nachspürt.

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Kurz erläutert: Worum kümmert sich eine Provenienzforscherin? Es geht um die Herkunft eines Gegenstandes. Wie ein Mensch haben auch Objekte eine bestimmte Biografie. Sie werden irgendwann hergestellt, wechseln den Besitzer und die Orte. Interessant wird es, wenn Lücken und Ungereimtheiten in der Biografie auftauchen. Dann fragen wir genauer nach. Das gilt besonders für die Zeit des Nationalsozialismus, in der viele jüdische Menschen enteignet wurden.

Dr. Kathrin Kleibl.

Dr. Kathrin Kleibl.

Foto: DSM

Die Provenienzforschung taucht immer wieder im Zusammenhang mit Kunstwerken auf, die von den Nationalsozialisten geraubt wurden. Warum ist das Forschungsfeld auch für das DSM relevant? Die Bundesrepublik und damit auch ihre öffentlichen Einrichtungen haben sich dazu verpflichtet, derartige Objekte zu finden und gegebenenfalls an die jüdischen Eigentümer zurückzugeben. Das DSM ist so eine öffentliche Einrichtung, und auch in seinem Sammlungsbestand können sich solche Gegenstände befinden. Außerdem untersucht das DSM als Forschungsmuseum in dem Projekt „LIFTProv“ von den Nazis beschlagnahmte Übersiedlungsgüter jüdischer Emigranten. Bis zum Kriegsausbruch wanderten rund 333.000 jüdische Deutsche aus, 1940 waren es 20996, 1941 bis zum Auswanderungsverbot im Oktober nur noch 5787. Die kamen aus dem gesamten Reichsgebiet. In Kisten verpackt, sollte das Umzugsgut per Spedition meistens über Bremen und Hamburg in einen Zielhafen verschifft werden. Nach Kriegsausbruch beschlagnahmte die Gestapo jedoch die Kisten und ließ sie öffentlich versteigern.

Wer profitierte davon, dass Übersiedlungsgüter jüdischer Emigranten versteigert wurden? Alle Beteiligten. Der NS-Staat nahm schon dadurch Geld ein, dass die Auswanderer jedes einzelne Stück ihres Eigentums, das sie mitnehmen wollten, zunächst mit ihrem eigenen Geld freikaufen mussten. Zu diesem Zeitpunkt konnten die als Juden Verfolgten auch nicht mehr frei über ihr Geld verfügen, da ihre Konten von den Behörden gesperrt worden waren; jede Auszahlung wurde kontrolliert. Speditionen, Hafenbetriebe, Auktionatoren, und sogar Zeitungen, in denen die Versteigerungstermine annonciert wurden, profitierten von Umschlag, Lagerung und Beschlagnahmungen. Bibliotheken bekamen Bücher. Kunst ging an öffentliche Sammlungen. Die Käufer, unter denen auch viele Händler waren, kamen billig an Möbel, Haushaltswaren, Bekleidung oder an die Ausstattung einer Arztpraxis. Die Auktionen wurden großflächig beworben, um größtmöglichen Profit herausschlagen zu können. Die Erlöse flossen schlussendlich in die Reichskasse in Berlin. In der Nazi-Terminologie waren die Versteigerungen Teil eines Ausbeutungsprozesses der jüdischen Menschen, der als „Verwertung“ bezeichnet wurde.

Der NS-Staat „verwertete“ das Eigentum der jüdischen Bürger, die er zuvor durch immer stärkere Ausgrenzung in die Emigration getrieben hatte? Genau. Im Bereich der Kunst hat sich dazu heute auch der Begriff NS-Raubgut eingebürgert. Teilweise waren die jüdischen Auswanderer aber schon relativ ausgeplündert. Die Menge des Umzugsgutes reichte vom Seesack oder einer kleinen Kiste bis zum Hausrat einer ganzen Villa im Umfang von mehreren Lastwagenladungen.

Wo befinden sich die Güter heute? Teilweise in öffentlichen Bibliotheken, Museen und in Privatsammlungen. Auch in Privathaushalten müsste es noch Möbel und Geschirr geben, ohne dass die heutigen Besitzer von deren heikler Herkunft wissen. Etliches dürfte auch zerstört sein. Bei Klavieren und Flügeln wäre es möglich, die Herkunft über Seriennummern zu bestimmen. Auch in Möbeln finden sich oft Namen der Eigentümer, in deren Auftrag die Stücke gefertigt wurden. Kunstwerke sind häufig mit Etiketten und Beschriftungen versehen. Wir konnten bisher rund 800 Umzugsgutsendungen in Bremen und rund 3000 Sendungen in Hamburg Geschädigten zuordnen. Da jede Sendung aus Hunderten von Einzelstücken bestehen kann, geht die Zahl der geraubten Gegenstände geschätzt in die Millionen.

Der Zeitraum, den Sie mit ihrer Forschung betrachten, ist rund 80 Jahre her. Zeitzeugen gibt es also kaum noch. Welche Quellen können Sie nutzen? Die letzten Zeitzeugen waren damals noch Kinder und Jugendliche und können daher nicht viel über die Zusammenhänge sagen. Teilweise sind aber noch Dokumente in den Familien vorhanden. Vor allem nutzen wir Quellen in den Staatsarchiven in Bremen und Hamburg. Erhalten sind Speditionslisten, Lagerbücher, Akten der Gestapo und der Oberfinanzdirektionen, Versteigerungsprotokolle und Abrechnungen der Auktionatoren. Zeitzeugen können sich übrigens gern noch über das DSM an uns wenden.

Was sind bisher Ihre wichtigsten Erkenntnisse? Wir haben festgestellt, dass es immens viele Geschädigte gibt, deren Eigentum noch heute größtenteils im Umlauf ist, und denen bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Die heutigen Besitzer wissen wahrscheinlich gar nichts davon, dass sie Besitzer von Raubgut sind. Wir konnten auch schon in Zusammenarbeit mit jetzigen Besitzern Gegenstände aus Umzugsgütern identifizieren, was natürlich toll ist und zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Haben Sie auch Kontakt zu Nachfahren der jüdischen Eigentümer? Wie fallen die Reaktionen aus? Die Nachfahren wissen oft sehr wenig über die Emigration der Großeltern. Viele Enkel interessieren sich aber dafür. Oft wollten die Emigrierten aber wenig darüber reden und alles hinter sich lassen, weil sie so viel Entwürdigendes erlebt hatten: Sie mussten jedes Wäschestück, jede Unterhose angeben. Wer magenkrank war und eine spezielle Ernährung benötigte, musste die deutschen Behörden darum bitten, dass das Geld dafür vom Sperrkonto genommen werden durfte. Schließlich gab es nach dem Krieg Rückerstattungsprozesse, bei denen zum Teil dieselben Gutachter wie in der NS-Zeit die Werte des geraubten Eigentums kleinrechneten. Einem Teil der Geschädigten ist die Emigration aber auch nicht mehr gelungen – sie wurden deportiert und ermordet.

Welche Ziele haben Sie mit dem Projekt noch? Wir sind dabei, eine Datenbank zu erstellen, in der man dann nach den geraubten Gegenständen und den damals Beteiligten recherchieren kann. Fachleute sollen sie ebenso nutzen können wie Familien von Geschädigten oder sonstige Interessierte. Allerdings müssen wir noch Gelder einwerben, um sie öffentlich machen zu können.

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