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Das Forschungsschiff „Polarstern“ ist das wichtigste Werkzeug der deutschen Polarforschung. Seit Herbst 2019 driftet es durch das Nordpolarmeer.

Das Forschungsschiff „Polarstern“ ist das wichtigste Werkzeug der deutschen Polarforschung. Seit Herbst 2019 driftet es durch das Nordpolarmeer.

Foto: Sebastian Grote

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„Polarstern II“-Stopp: Werft hat schon Millionen investiert

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In kein anderes Angebot soll die Lloyd Werft jemals so viel Arbeit gesteckt haben: Vier Jahre hat der „Polarstern“-Nachfolger die Konstrukteure beschäftigt, die Angebotsunterlagen füllen drei Umzugskartons. Allein für die Finanzierung des möglichen Neubau-Auftrags fällt jeden Monat ein fünfstelliger Betrag an. „Extrem schade“, nennt Werftchef Rüdiger Pallentin den Umstand, dass der Bau des Polarforschungsschiffes nun noch einmal neu ausgearbeitet werden soll.

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Stopp der „Polarstern II“

Der Bund hatte die Erteilung des Auftrags seit Anfang 2019 mehrfach angekündigt – und immer wieder verschoben, die Entscheidung wurde zur Hängepartie. Die Ansprüche an einen modernen Forschungseisbrecher seien während des Vergabeverfahrens immer wieder gestiegen, hieß es gestern in Berlin. Die Arktis sei schon heute eine andere als zu Beginn der Ausschreibung vor vier Jahren, sagt AWI-Direktorin Prof. Dr. Antje Boetius.

Prof. Dr. Antje Boetius zur "Polarstern II"

Das sagt Prof. Dr. Antje Boetius, Direktorin des AWI, zum Stopp der Ausschreibung zur "Polarstern II".

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In einem Gespräch mit der Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) sei ihr am späten Donnerstag gesagt worden, dass das Verfahren abgebrochen werden müsse, die Bundesregierung aber ein neues Forschungsschiff nicht infrage stelle. Dass die Ministerin dem AWI anvertraue, nun selbst Herr des Vergabeverfahrens zu werden, sei für sie ein großer Vertrauensbeweis, meint Boetius. „Das Bundesforschungsministerium wird das Alfred-Wegener-Institut in die Lage versetzen, die ,Polarstern II‘ zu beschaffen“, bestätigte eine Sprecherin des Ministeriums.

Ein gutes Angebot der Lloyd Werft

„Jetzt gelten andere Bedingungen“, urteilt der Bremerhavener Bundestagsabgeordnete Uwe Schmidt (SPD), das könne von Vorteil für die Lloyd Werft sein. Trotzdem sei er überrascht von der Entscheidung, die Gründe seien für ihn nicht nachvollziehbar. Ein gutes Angebot für ein „leistungsfähiges Schiff“ abgegeben zu haben, ist auch die Meinung von Werftchef Pallentin. „Unser erstes Angebot hatten wir vor drei Jahren fertig“, sagt er. Und die Werft hatte breite Unterstützung für das Projekt: Der damalige Wirtschaftssenator Martin Günthner sicherte eine Landesbürgschaft für den Bau der „Polarstern II“ zu, die asiatischen Eigentümer der Werft gaben ihre Finanzierungszusage und auch die Banken zogen mit.

Bei den MV-Werften seien Kapazitäten gesichert worden für den Stahlbau, sagt Pallentin. Auch Zulieferer und Lieferanten hätten auf den Schiffbau-Auftrag gehofft. „Wir haben in die Entwicklung einen mittleren einstelligen Millionenbetrag investiert“, sagt Pallentin. Aber auch ohne den Auftrag sei die Lloyd Werft noch bis 2021 gut beschäftigt, „und wir werden uns die neue Ausschreibung anschauen“, sagt er.

Wie ist die „Polarstern“ eigentlich aufgebaut?

Wie ist die „Polarstern“ eigentlich aufgebaut?

Grafik: MOSAiC

Verfahren ist zu lang

Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) kritisiert die Länge des Ausschreibungsverfahrens und betont, wie wichtig es sei, derartige Aufträge national vergeben zu können. „Die ,Polarstern‘ hier zu bauen, ist wichtig für die ganze Küste.“ Warum die abgegebenen Angebote der beiden Werften den Anforderungen nicht mehr genügten, dazu wollte sich das Ministerium nicht äußern. Auch die Kosten für den Neubau sind nicht bekannt. Vor zehn Jahren war im Ministerium von 455 Millionen Euro die Rede, zuletzt hatte es geheißen, eine „Polarstern II“ sei nicht für weniger als 650 Millionen Euro zu bekommen. Das Nachfolgeschiff der „Polarstern“ soll bis 2027 einsatzbereit sein, so lange werde die „Polarstern“ im Dienst bleiben. „Wir müssen sie nun noch besser pflegen als bisher“, sagt Boetius.

Rund zehn Millionen Euro soll der Unterhalt der 38 Jahre alten „Polarstern“ inzwischen jedes Jahr kosten. Reparaturen häuften sich, hieß es. Auch Boetius selbst hat in der Vergangenheit keine Chance ausgelassen zu betonen, wie riskant jedes weitere Jahr des Wartens sei: Angesichts einer drei- bis vierjährigen Neubauzeit und einer Testphase von einem guten Jahr wäre es „eine Katastrophe, wenn die alte Dame länger in Reparatur müsste“. Noch bis zum Herbst treibt das Schiff festgefroren an einer Scholle mit dem Eis in der Arktis, die Expedition „„MOSAiC“ dient dazu, Klimaveränderungen zu erkunden.

Schon als der Bau dieses Schiffes Ende der 1970er Jahre verhandelt wurde, gab es Diskussion um Größe und Ausstattung. Der Bremerhavener Bundestagsabgeordnete Horst Grunenberg (SPD) stellte daraufhin an den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) die provozierende Frage: „Wollen wir einen Marmeladeneimer oder ein solides, herzeigbares Schiff für die deutsche Antarktisforschung?“ Noch in der selben Nacht soll Schmidt das Investitionsvolumen für den Forschungseisbrecher verdoppelt haben.

Standpunkt: Das gewagte Manöver kann gelingen

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ein Kommentar von Christoph Linne

Der Paukenschlag um die „Polarstern II“ gleicht dem Manöver des letzten Augenblicks. Von dem spricht man in der Schifffahrt, wenn es darum geht, eine Kollision zu verhindern – oder die befürchteten Schäden möglichst gering zu halten. So merkwürdig es zunächst klingt: Die Entscheidung, die Ausschreibung zu stoppen, kann in der Tat Schaden abwenden vom Forschungsstandort Deutschland, vom Wirtschaftsstandort Bremerhaven und für die Wissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut (AWI), die ihre Arbeit natürlich mit einem leistungsfähigen Nachfolger fortsetzen wollen, der steigenden Ansprüchen mit modernster technologischer Ausrüstung genügt.

Zuletzt lagen nach unseren Recherchen noch zwei gänzlich unterschiedliche Angebote auf dem Tisch: eines für einen Eisbrecher, mit dem man auch forschen kann, und eines für ein Forschungsschiff, das auch Eis brechen kann. Letzteres benötigen die Forscher des AWI, so viel steht fest. Letzteres entspricht auch den Qualitäten der guten, alten „Polarstern“.

Im Ministerium war wahrscheinlich die Sorge zu groß, dass der unterlegene Bieter gegen die Vergabe klagt – und damit der bereits mehrfach verschobene Neubau auf unabsehbare Zeit auf Eis gelegt werden muss. Nach den bösen Erfahrungen mit Kostenexplosionen bei Großprojekten – vom neuen Hauptstadt-Flughafen bis zur Sanierung der „Gorch Fock“ – will die Politik zugleich um jeden Preis vermeiden, dass nachträgliche Forderungen einen Neubau unkalkulierbar verteuern.

Obwohl diese Entscheidung nun viele Vorhaben platzen lässt, jahrelange Vorarbeiten zunichtemacht und Zeitpläne über den Haufen wirft, liegt eine große Chance in diesem Manöver: Womöglich lässt sich nach der abrupten Wende und einer neuen Ausschreibung unter anderen Vorzeichen der Bau der „Polarstern II“ schneller realisieren.

Den Bau von Marineschiffen hat die Bundesregierung erst am Mittwoch zur nationalen Schlüsseltechnologie erklärt. Wenn der Bundestag zustimmt, müssen Aufträge dann nicht mehr europaweit ausgeschrieben werden. Das Land Bremen tut gut daran, darauf zu drängen, diese aktuelle Entscheidung auch auf den Bau von Forschungsschiffen auszuweiten, um solche Projekte von strategischer Bedeutung zu beschleunigen und eine nationale Vergabe zu ermöglichen.

Jetzt gilt es allerdings erst einmal, die sturmerprobte „Polarstern“ – insbesondere nach ihrer gegenwärtigen Mammut-Expedition an den Nordpol – besonders sorgsam zu pflegen.

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