Zeitungsausschnitte mit Berichten über Bremerhaven.

Beispiele jüngerer Bremerhaven-Berichte in überregionalen Medien: „Die Zeit“ (links) und die „Süddeutsche Zeitung“.

Foto: Christian Heske

Beispiele jüngerer Bremerhaven-Berichte in überregionalen Medien: „Die Zeit“ (links) und die „Süddeutsche Zeitung“.

Heute

Bremerhaven: Der frühe Tod im deutschen Dubai

Armenhaus der Nation oder aufstrebende Tourimusmetropole? Überregionale Medien zeichnen komplett gegensätzliche Bilder von Bremerhaven. So beschreibt ein „Zeit“-Artikel die Stadt als tristen Ort, in dem Männer die deutschlandweit geringste Lebenserwartung besitzen. Die „Süddeutsche Zeitung“ adelt die Seestadt hingegen als Ersatz für Fernreisen in Corona-Zeiten.

Kreis-Icon-Nordstern

Für eine in der Wochenausgabe, 22. und 23. August, dokumentierte touristische Deutschlandtour mit dem Titel „In sieben Tagen um die Welt“ hatte die „Süddeutsche Zeitung“ einen Journalisten entsandt. Die Reise folgte der Erkenntnis, dass Deutschland für die Deutschen zum Sehnsuchtsziel mutiert, weil das Coronavirus „die große weite Welt vernagelt hat“. Dabei könnten Ziele in Deutschland stellvertretend für Auslandsziele herhalten, so die verblüffende Erkenntnis des Berichterstatters.

Die Schokoladenseite

Gleich das erste Ziel: Bremerhaven, das hier als Dubai-Ersatz firmiert. Schon wer es als Stadt in die Liste der acht Deutschland-Ziele geschafft hat, kann ja nicht alles falsch gemacht haben. Der Tagesbesucher konzentriert seinen mit amüsanten Beobachtungen und Analogien zur Corona-Pandemie angereicherten Bericht allerdings auch auf den Besuch der Havenwelten und damit auf die touristische Schokoladenseite der Stadt.

Das dem Burj al Arab in Dubai nachempfundene Sail-City-Hotel sei zwar kleiner und im Vergleich etwas adipös, stehe aus bayerischer Sicht aber „schon gut hier am deutschen Tor zur Neuen Welt“. Auch das Auswandererhaus sei ein „ziemlich formidables Museum“, lobt der Reporter beeindruckt. Er verlässt das Haus mit dem Gefühl, dass es nicht schaden würde, den einen oder anderen durch Flüchtlinge besorgten Bürger zum Besuch des Museums zu verpflichten.

Ein gegensätzliches, trostloses Bild zeichnet hingegen der Journalist, der die Seestadt für einen mehrseitigen „Dossier“-Bericht in der Ausgabe vom 29. Oktober der Wochenzeitung „Die Zeit“ besucht hat. „Es geht um Leben und Tod in diesem Artikel“, macht der Autor schon mit seinem Einstiegssatz klar, dass es sich hier nicht um einen launigen Reisebericht dreht, sondern um existenzielle Fragen.

Statistische Auswertungen

Grundlage der Recherche sind die statistischen Auswertungen von Roland Rau, Professor für Demografie an der Universität Rostock. Der hat ausgerechnet, dass Männer im Landkreis München eine durchschnittliche Lebenserwartung von 81,2 Jahren haben. In Bremerhaven seien es nur 75,8 – eine Differenz von mehr als fünf Jahren.

Warum bringt die Stadt den frühen Tod? Dem Reporter geht es darum, nachzuweisen, dass materielle Armut, aber auch „eine Armut an Wirkmacht und Selbstbestimmung“ krank machen und das Leben vor allem von Männern deutlich verkürzen. „Ist Armut eher Folge persönlichen Scheiterns oder Ausdruck systemischen Unrechts? Geht es um Verhalten oder um Verhältnisse?“, stellt der „Zeit“-Autor relevante Fragen, die die gesellschaftliche Gerechtigkeit berühren. Den Ursachen für die hohe Männersterblichkeit in Bremerhaven auch mit Mitteln der Reportage nachzuspüren, ist das ambitionierte Ziel des Autors. Wenig überraschend, was er unter dieser Voraussetzung findet: Niedergang und Perspektivlosigkeit.

Er beschreibt eine Trauerfeier für Menschen ohne Hinterbliebene und die Aktivitäten des ehrenamtlichen Kinderprojekts „Sonnenblume“. Teilweise literarische Qualität besitzt indes die Beschreibung eines aus Portugal stammenden 62-jährigen Arbeiters des Tiefkühlkostherstellers Frosta: Mit 17 sei er von Cuxhaven aus auf Fischkuttern gefahren. „Regen, Sturm, Düsternis. Nach einer Stunde übergab sich Matos zum ersten Mal. Er hörte nicht mehr auf, bald spuckte er Blut.“ Warum spuckte er Blut? Das erfährt der Leser nicht. Dafür erfährt er stirnrunzelnd aber, dass der Arbeiter eine Stelle fand bei Frosta, „einer der Firmen, die sich im rottenden Hafen halten konnten“. Im rottenden Hafen? Durch „Arbeitslosigkeit, Resignation, Tod“ habe der Arbeiter einige Freunde verloren.

Abwertender Kommentar

Weil sein Haus an einer lauten Straße stehe, habe der Arbeiter Fenster mit Dreifachverglasung eingebaut, wie er mit Stolz berichtet. „In Bremerhaven braucht es nicht viel, um sich als Glückskind zu begreifen“, lautet der abwertende Autorenkommentar, den man leicht als Wohlstandsbürgerattitüde missverstehen könnte. Aber vielleicht gibt es in Städten mit einer höheren Männer-Lebenserwartung keine viel befahrenen Straße und keine Hauseigentümer, die auf die Modernisierung ihrer Eigenheime stolz sind.

Im Schweinsgalopp geht es durch die unübersehbare Stadtentwicklung: „Bremerhaven hat den eigenen Abstieg nie hingenommen, hat wie fast jede Hafenstadt schicke Werftquartiere gebaut, internationale Architekten die Leere überplanen lassen, Cafés und Co-Working-Spaces ermöglicht, ein Klimahaus und ein Auswanderermuseum eröffnet, die Arbeitslosenquote auf 14 Prozent gedrückt und 2500 Beschäftigte im Bereich der Wissenschaften gewonnen.“ Ist aber alles nicht viel wert. Denn dann zitiert der Autor einen 37-jährigen Biologen, einen von inzwischen 2500 Wissenschaftlern in der Stadt, „der nun hier aussagt“. So als gehe es um ein Gerichtsverfahren. Angeklagt: die Zustände in Bremerhaven. Der Biologe habe nicht bleiben können. Miserable Wohnverhältnisse, Scherben und Fixerkanülen in den Sandkästen. Das Fazit des Autors: „Die Stadt kann machen, was sie will, manches ist nicht in den Griff zu kriegen.“

So mancher Bremerhavener würde hier wohl trotzig entgegnen: „Wir machen trotzdem weiter.“ Aber vielleicht hat der Autor die zufällig nicht getroffen.

nach Oben