Die Welt von Anne Wesenberg ist eine kleinere als vor ihrer Infektion mit dem Corona-Virus. Obwohl diese schon Monate zurückliegt, fühlt sie sich erschöpft, ist kurzatmig, leidet unter Wortfindungsstörungen.

Die Welt von Anne Wesenberg ist eine kleinere als vor ihrer Infektion mit dem Corona-Virus. Obwohl diese schon Monate zurückliegt, fühlt sie sich erschöpft, ist kurzatmig, leidet unter Wortfindungsstörungen.

Foto: Andrea Lammers

Die Welt von Anne Wesenberg ist eine kleinere als vor ihrer Infektion mit dem Corona-Virus. Obwohl diese schon Monate zurückliegt, fühlt sie sich erschöpft, ist kurzatmig, leidet unter Wortfindungsstörungen.

Heute

Corona-Spätfolgen: „Ich fühle mich, als sei ich 20 Jahre älter“

Als Anne Wesenberg sich im vergangenen Oktober zu ihrem Mann Rolf ins Auto setzt, ist sie voller Vorfreude auf ein paar unbeschwerte Tage in ihrer Heimatstadt Mainz. Aus ein paar Tagen werden Wochen. Schwer wie Blei, ausgefüllt mit Krankheit und Trauer. Noch Monate später bestimmen heute die Folgen einer Covid-19-Infektion ihr Leben.

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„Es fällt mir schwer, den Haushalt zu bewältigen“, sagt die 66-Jährige. „Nach dem Einkaufen bin ich fix und fertig.“ Sie sitzt in ihrem gemütlichen Wohnzimmer, dessen Wände momentan fast ihre gesamte Welt markieren. Spazieren gehen im nahe gelegenen Park? „Daran ist nicht zu denken. Ich bin immer noch extrem kurzatmig und ganz schnell total erschöpft“, beschreibt sie ihren aktuellen gesundheitlichen Zustand.

Dabei war sie vor ihrer Corona-Erkrankung im November topfit, viel mit ihrem Ehemann unterwegs, erfreute sich insgesamt einer stabilen Gesundheit. Sie beginnt von gemeinsamen Unternehmungen mit ihrem Mann Rolf zu berichten, zeigt Fotos von einem Flug im Fesselballon und dem Besuch der Familie in Israel. Ihre Augen leuchten. Sekunden später füllen sie sich mit Tränen.

Plötzlicher Tod des Mannes

Anne Wesenberg berichtet vom plötzlichen Tod ihres Mannes kurz nach der Ankunft bei ihrer Schwester in Mainz. Er war der Auftakt der wohl schlimmsten Zeit ihres Lebens, erzählt sie.

Den Verlust noch gar nicht richtig fassen könnend, erkrankt sie wenige Tage später an Corona: „Ich hatte plötzlich keinen Geschmacks- und keinen Geruchssinn mehr. Ich konnte weder etwas essen noch etwas trinken. In meinem Mund war immer so ein Gefühl, als ob ich Mehl auf der Zunge hätte“, beschreibt sie einige Auswirkungen der Erkrankung auf ihren körperlichen Zustand. Extremer Husten und irgendwann eine völlige Apathie hätten bei ihr ebenso zu den Symptomen der Covid-Infektion gehört. „Außerdem habe ich alles in merkwürdigen Farben gesehen. Die Konturen der Dinge waren nicht mehr richtig abgegrenzt. Alles war irgendwie so milchig gelb.“

Die Welt von Anne Wesenberg ist eine kleinere als vor ihrer Infektion mit dem Corona-Virus. Obwohl diese schon Monate zurückliegt, fühlt sie sich erschöpft, ist kurzatmig, leidet unter Wortfindungsstörungen.
Anne Wesenberg

Als Anne Wesenberg apathisch wird, ruft ihre Nichte den Krankenwagen: „Weil ich kein Fieber hatte, konnte ich dennoch zu Hause, also in dem Haus meiner Schwester, bleiben.“ Zwei ihrer Brüder hingegen nicht. Denn neben Anne Wesenberg hatten sich diese sowie ihre Schwester ebenfalls mit dem Virus infiziert. Tagelang ist ungewiss, ob die Brüder am Leben bleiben. Sie liegen auf der Intensivstation. Es geht ihnen sehr schlecht. Die Schwester von Anne Wesenberg bekam hingegen, wie sie auch, kein Fieber. Sie darf ebenfalls zu Hause bleiben, leidet allerdings unter starker Übelkeit. Allen erkrankten Geschwistern gemein ist jedoch eine unglaubliche Kraftlosigkeit: „Corona hat uns jegliche Energie aus dem Körper gezogen.“

Die ist bis zum heutigen Tag nicht vollständig zurückgekehrt: „Bei mir nicht und auch nicht bei meinen Geschwistern. Alle berichten von großer Erschöpfung“, erzählt Anne Wesenberg. „Mit so etwas wie Grippe kann man Corona überhaupt nicht vergleichen“, lautet ihr Fazit. Während sie spricht, wird ihre Stimme schwächer, brüchiger – auch eine Spätfolge der Infektion, sagt sie. Und bevor die Worte über ihre Lippen kommen, muss Anne Wesenberg nicht selten um sie ringen: „Mir fallen zwischendurch immer wieder nicht die richtigen Worte ein. Das ist beängstigend.“ Sie sagt, dass sie sich seit der Infektion um zwanzig Jahre gealtert fühlt.

„Schlimmer geht immer“

Vier Wochen bleibt Anne Wesenberg nach ihrer Covid-19-Infektion noch in Mainz. Dann darf sie vonseiten der Behörden wieder nach Bremerhaven zurück, organisiert die Seebestattung ihres Mannes. „Wenn mir in der Zeit von meiner Abreise nach Mainz im Oktober bis zu meiner Rückkehr eines klar geworden ist, dann das Prinzip ,Schlimmer geht immer‘.“

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