Urbex-Foto-Künstlerin Janka Bahlmann hat sich das Fotografieren autodidaktisch beigebracht.

Urbex-Foto-Künstlerin Janka Bahlmann hat sich das Fotografieren autodidaktisch beigebracht.

Foto: Lammers

Urbex-Foto-Künstlerin Janka Bahlmann hat sich das Fotografieren autodidaktisch beigebracht.

Heute

Janka Bahlmann fotografiert „Lost Places“

Die Orte, an die es Janka Bahlmann zieht, sind von denen der Spaßgesellschaft so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Sie sind still, von Menschen verlassen, für kurzzeitige Zerstreuung ungeeignet. Dafür erzählen sie Geschichten. Längst vergangene. Für denjenigen jedenfalls, der bereit ist, sie zu erspüren. Janka Bahlmann geht sogar noch einen Schritt weiter: Sie konserviert die Stimmung, die Seele dieser „Lost Places“ – dieser vergessenen Orte – in ihren Bildern.

Kreis-Icon-Nordstern

Ein verlassenes Piano in einem heruntergekommenen Theatersaal. Abgeplatzter Putz an Säulen und Wänden. Jahrzehnte ist es her, dass hier Opern gesungen, Shakespeares „Macbeath“ inszeniert oder Samuel Becketts „Warten auf Godot“ gespielt wurde. Und dennoch bietet dieser Lost Place, wie ihn die Insider der Urbex-Community nennen, jede Menge Raum für Fantasie. Die gesamte Atmosphäre, die von ihm ausgeht, ist durchtränkt vom Charme des Vergangenen. Wer es zulässt, kann vor seinem inneren Auge mit funkelndem Schmuck behängte Damen in festlicher Kleidung und gespannter Erwartung auf das Bühnengeschehen erkennen. Er „hört“ vielleicht ein Räuspern und leises Tuscheln, bis das Licht ausgeht und der Vorhang sich hebt. Ein imaginärer Gong könnte nicht nur zur Pause läuten, sondern den Betrachter dieses vergessenen Ortes zurück in die Realität läuten.

Verwittert und verstimmt: Detailaufnahme einer Klaviertastatur in einer verlassen Arztvilla in Hessen.

Verwittert und verstimmt: Detailaufnahme einer Klaviertastatur in einer verlassen Arztvilla in Hessen.

Foto: Janka Bahlmann

Geheimhaltung ist Teil des Kodexes

Janka Bahlmann hat diesen Ort mit realen Augen gesehen. Hat den Theatersaal durchschritten, ihre Finger über die alten verstimmten Piano-Tasten gleiten lassen. Und sie hat diese ganz besondere Stimmung, die von ihm ausgeht, festgehalten, indem sie Fotos von ihm gemacht hat. Wo dieser Ort ist, will sie nicht verraten. Denn die Geheimhaltung nach Außen ist Teil des Kodexes, dem die Mitglieder der Urbex-Community anhängen. Urbex ist eine Wortschöpfung, eine Allianz aus den Begriffen Urban und Exploration. Gemeint ist das Erkunden und fotografische Dokumentieren urbaner Räume, wie Schloss- und Burgruinen, verlassener Sanatorien, Krankenhäuser, Industrieruinen, Katakomben, Bunker, Ballsäle und Theater. „Es geht darum, durch zum Teil aufwendige Recherche selber neue verlassene Gebäude zu erschließen“, sagt die 29-Jährige.

Selber aufstöbern, fotografieren und dann wie ein Grab über die gehobenen „Schätze“ schweigen. Dahinter steckt nicht etwa Nickeligkeit der Urbexer, sondern das Beschützen dieser außerordentlichen Orte. „Es gibt Leute, die sie aufsuchen, fotografieren und zerstören, um die Einzigartigkeit ihrer Fotos zu gewährleisten“, weiß die junge Frau. Ein absolutes No-Go für die Mitglieder der weltweiten Community, dokumentiert in dem Leitsatz: „Take nothing but pictures. Leave nothing but footprints. Kill nothing but time.“ (Nimm nichts außer Fotos. Hinterlasse nichts als Fußspuren. Töte nichts als Zeit.)

Wie Herbstlaub blättern die Tapeten von den Wänden dieses Raumes eines historischen Gebäudes. Ein verlorener Sessel zeugt davon, dass das Zimmer einst bessere Zeiten kannte.

Wie Herbstlaub blättern die Tapeten von den Wänden dieses Raumes eines historischen Gebäudes. Ein verlorener Sessel zeugt davon, dass das Zimmer einst bessere Zeiten kannte.

Foto: Janka Bahlmann

Während die gelernte Einzelhandelskauffrau sich über den Ort, an dem sich das verlassene Theater befindet, ausschweigt, verrät sie stattdessen ihren ganz persönlichen Lieblings-Lost-Place, denn der ist öffentlich für Fototouren buchbar. „Es ist ein Tuberkulose-Sanatorium in Beelitz. Der Ort ist für mich geradezu magisch“, sagt sie und berichtet von der Geschichte der leerstehenden Gebäude dort. Die Geschichte der Orte, die sie zumeist mit ihrer Freundin und ebenfalls Urbex-Begeisterten Jessica Titz aufsucht, nimmt viel Raum bei der Recherche ein, ist Teil der Faszination. „Sie offenbart die Vergänglichkeit von allem.“ Und: „Mit verlassenen Gebäuden ist es wie mit Menschen. Wahrgenommen wird zumeist nur die Hülle. Die Schätze im Inneren bestaunen nur wenige“, beschreibt Janka Bahlmann den Ansatz ihrer Foto-Arbeiten.

Fahrten bis Italien

Bei denen ist oft bereits der Weg das Ziel: „Wenn wir einen verlassenen Ort ausgemacht haben, setzen wir uns ins Auto und fahren los.“ Durchaus bis Italien. Einmal strandeten die Frauen an einem verlassenen Gutshaus in Mitteldeutschland. Mitten im Wald mit einem kleinen See. „Wir machten ein Lagerfeuer, genossen die Stille. Kurz nach Mitternacht begannen in unserer Nähe Wölfe zu heulen. Die Gefühle, die ausgelöst wurden, sind unbeschreiblich.“

Für dieses Bild saß Jessica Titz Modell in den Räumen einer ehemaligen psychiatrischen Einrichtung in Brandenburg.

Für dieses Bild saß Jessica Titz Modell in den Räumen einer ehemaligen psychiatrischen Einrichtung in Brandenburg.

Foto: Janka Bahlmann

Bei einer anderen Tour landeten sie in einer verlassenen Arzt-Villa. „Obwohl dort schon seit Jahrzehnten niemand mehr gewesen sein mag, wirkte alles so, als ob die Tür nur für eine kurze Mittagspause abgesperrt worden sei. Behandlungsbesteck, Jacken, Röntgenbilder – alles sah so aus, als sei es erst gestern zurückgelassen worden.“ Die von den Wänden herabhängenden Tapeten allerdings hätten eine andere Geschichte erzählt. Die eines verlassenen Ortes.

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