Der Schotter nimmt der Natur den Platz zum Gedeihen.

Der Schotter nimmt der Natur den Platz zum Gedeihen.

Foto: Lammers

Der Schotter nimmt der Natur den Platz zum Gedeihen.

Heute

Schotter: Stein des Anstoßes

Sie schießen wie Pilze aus dem Boden: Schotter-, Pflastersteine und Beton in Bremerhavener Vorgärten. Nur dass Pilze einen ökologischen Wert besitzen, Schottergärten nicht.

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„Schottergärten sind reine Wüsten – auch mikroklimatisch , die wichtige Bodenfauna ist weg und nichts findet dort Nahrung“ , beklagt Gartenbau-Dezernent Dr. Ulf Eversberg (Grüne). Sein Dezernat geht daher mit anderen Maßstäben an die Gestaltung von öffentlichen Flächen heran, als es viele Grundstückseigentümer derzeit auf ihrer privaten Scholle praktizieren.

Stadt setzt auf Blumenwiesen statt Rasen

Wen das milde Herbstwetter zu einem Spaziergang in die Natur lockt, der findet sie. Mitten in der Stadt. Obstbäume säumen beispielsweise die Wege am Aue-See, Brombeerhecken laden zum Naschen ein. Menschen wie auch Insekten. Derartige Streuobstwiesen gibt es an mehreren Orten in der Seestadt (das Sj berichtete). Teil eines Konzeptes, mit dem das Gartenbauamt öffentliche Flächen naturnah gestaltet. Dazu gehören: „Wildblumenwiesen statt Rasen, der Erhalt von ‚Spechtbäumen‘“, beginnt Eversberg seine Aufzählung von Maßnahmen, mit denen das Gartenbauamt die Natur schützt: „Totholzhaufen“, beispielsweise, „hier finden Kleintiere Nahrung und Schutz.“ Bei der Auswahl von Stauden, Sträuchern und Bäumen achte das Gartenbauamt darauf, dass sie für die Bedürfnisse der einheimischen Vögel und Insekten geeignet sind, so der promovierte Biologe weiter.
Vollständig versiegelt: Im Leherheider Waldviertel finden sich zahlreiche Beispiele einer auf Steine setzenden Vorgartengestaltung.

Vollständig versiegelt: Im Leherheider Waldviertel finden sich zahlreiche Beispiele einer auf Steine setzenden Vorgartengestaltung.

Foto: Lammers

Die Flächen, für die diese Art des Naturschutzes gilt, sind beachtlich: „Das Gartenbauamt plant, entwickelt und pflegt die öffentlichen Grünflächen, zu denen Parks, Grünanlagen, das Straßenbegleitgrün, Freiflächen an Schulen, Kindertagesstätten und Freizeitheimen sowie Friedhöfe und Kleingartenanlagen gehören“, zählt der Leiter des Gartenbauamtes, Thomas Reinicke, auf: „Hierin liegt ein großes Potenzial für die Entwicklung und Erhaltung von Natur- und Erholungsflächen mit einer artenreichen Flora und Fauna.“

Gigantisches Artensterben

Wie das praktisch umgesetzt wird, ist Gegenstand des von ihm und seinen Kollegen entwickelten Grünflächenstrategie-Papiers. „All das berücksichtigen wir bereits seit Jahren“, unterstreicht Evensberg. Denn: „Untersuchungen belegen, dass wir bereits ein gigantisches Artensterben beklagen müssen. Das Aussterben von Insekten führt dazu, dass Vögel und andere Wildtiere kein Futter mehr finden. Außerdem werden Insekten dringend als Bestäuber für Pflanzen gebraucht“, sagt Eversberg. Damit dieses System erhalten bleibt, benötige es eine Vielfalt von Grün. „Zierrasen ist im Prinzip eine ähnliche Wüste wie Schottergärten“, so Eversberg. „Allerdings können da wenigstens noch Bodenlebewesen existieren.“ Mit seinen Maßnahmen will das Gartenbauamt dem Artensterben entgegenwirken.

Im krassen Gegensatz dazu: der Trend zu Gärten, die mit Schotter, Pflaster und Beton gestaltet werden. Insbesondere in den Neubaugebieten wie dem Waldviertel in Leherheide bietet sich den Passanten ein Bild von Grau-in-Grau gestalteten Straßenzügen: viel Pflaster, viel Schotter, meterhohe Sichtschutzwände, dafür wenig Grün und wenig einheimische Wildpflanzen.

Bade: Wir ahnden das

Ein ähnliches Bild auch in dem Neubaugebiet Reinkenheider Forst II: Das wird derzeit vom Bauordnungsamt kontrolliert. Denn: „Vorgartenbereiche sind hier gemäß des Bebauungsplanes gärtnerisch zu gestalten und als Vegetationsfläche anzulegen“, betont der Leiter des Bauordnungsamtes Heinrich Bade. „Schottergärten erfüllen diesen Anspruch nicht und werden entsprechend geahndet“, sagt er. Der Bebauungsplan regele, welcher Flächenanteil eines Grundstücks versiegelt werden darf. Auch Schotter- und Kiesflächen gelten dabei als Bodenversiegelung.

Einsames Grün: Auch Schotter- und Kiesflächen gelten nach dem Baurecht als versiegelte Flächen.

Einsames Grün: Auch Schotter- und Kiesflächen gelten nach dem Baurecht als versiegelte Flächen.

Foto: Lammers

Und diese hat neben den vielfältigen Folgen für die Artenvielfalt noch weitere Tücken: „Bodenversiegelung bedeutet, dass der Boden luft- und wasserdicht abgedeckt wird, wodurch Regenwasser nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen versickern kann und der Gasaustausch des Bodens mit der Atmosphäre gedrosselt wird“, gibt Bade zu bedenken. Wenn der Boden dauerhaft von Luft und Wasser abgeschlossen werde, gehe die Bodenfauna zugrunde, welche wiederum wichtige Funktionen für den Erhalt und die Neubildung von fruchtbaren Böden erfülle.

Bade beschreibt außerdem die Folgen für den Wasserhaushalt: „Zum einen kann Regenwasser weniger gut versickern und die Grundwasservorräte auffüllen, zum anderen steigt das Risiko, dass bei starken Regenfällen die Kanalisation oder die Vorfluter die oberflächlich abfließenden Wassermassen nicht fassen können und es somit zu Überschwemmungen kommt.“

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