Schulstadtrat Michael Frost.

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Foto: Lothar Scheschonka

Schulstadtrat Michael Frost.

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Schuldezernent Frost: „Bildungspläne bieten genug Freiraum für das Thema Wirtschaft“

Die wirtschaftliche Grundbildung soll ein fester Bestandteil des Unterrichts an Schulen werden, fordert das Bündnis Ökonomische Bildung (BÖB), zu dessen Gründungsmitgliedern auch das Netzwerk Schule, Wirtschaft, Wissenschaft für die Region Unterweser gehört. Im Interview äußert sich Bremerhavens Schulstadtrat Michael Frost zum Thema Wirtschaft als Stoff in der Schule.

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BÖB fordert mehr wirtschaftliche Bildung in den Schulen. Wird denn bisher kein Wirtschaftswissen vermittelt? Selbstverständlich vermitteln die Schulen in vielfältiger Form Wirtschaftswissen. Das beginnt bereits im Sachkundeunterricht in der Grundschule und setzt sich in den weiterführenden Schulen fort, etwa im Fachunterricht „Wirtschaft – Arbeit – Technik“ (WAT). Der WAT-Bildungsplan für Oberschulen beschreibt als klares Ziel, dass grundlegende ökonomische Konzepte, wie beispielsweise der Markt, Preisbildung und Wettbewerb, behandelt werden. Aber darüber hinaus spielen insbesondere auch in den Gesellschaftswissenschaften und Projekten Themen des wirtschaftlichen Handels eine Rolle. Zu betonen ist folglich der schulische Bildungsauftrag, der neben der Vermittlung von Sachkompetenzen die Aufgabe der Persönlichkeitsbildung mit einschließt und damit die Entwicklung eigener, reflektierender Wertvorstellungen. Mit diesem Anspruch geht die schulische Bildung über den der ökonomischen Bildung hinaus. Schule fördert das Wissen um ökonomisches Denken und die moralische Reflexionsfähigkeit und orientiert sich nicht ausschließlich an den Modellen der ökonomischen Bildung sowie der Fachsystematik.

Zur Vermittlung des Wissens müsste nach Ansicht von BÖB kein eigenes Fach Wirtschaft eingerichtet werden, sondern könnte in vorhandene Fächer integriert werden. Was halten Sie von diesem Vorschlag? Häufig wird in der Diskussion über ein nicht gelöstes gesellschaftliches Problem gefordert, dass dafür ein Schulfach eingerichtet werden soll. Ich begrüße es, wenn das Bündnis diesem Reflex nicht folgt. Die Fragestellungen unserer Zeit sind komplex, und entsprechend komplex sind die Anforderungen an unsere Strategien, zu nachhaltigen Antworten zu gelangen. Unterricht in diesem Verständnis muss zunehmend fachübergreifend organisiert sein. Hierfür gibt es an Bremerhavener Schulen bereits sehr positive Beispiele, sowohl im täglichen Unterricht als auch in den sogenannten Schülerfirmen, die viele Schulen eingerichtet haben. Durch Schülerfirmen setzen sich die Schüler mit Themen wie Existenzgründung, Produktentwicklung und Werbung auseinander und bauen so Berührungsängste ab. Das Projekt „Was kostet das Leben“ hat sich über viele Jahre, begleitet durch Fortbildungen der Lehrkräfte, an den Schulen etabliert und vermittelt über simulierte Lebensgemeinschaften spielerisch den Zugang zu Themen, wie Wohnungssuche, Versicherungen und Auskommen mit dem Einkommen.

Ein Ansatzpunkt ist der richtige Umgang mit Geld. Finden Sie, dass den jungen Leuten dieses Wissen fehlt, und kann die Schule hier etwas tun? Wenn wir uns die finanzielle Situation vieler Privathaushalte ansehen, dann wird deutlich, dass es nicht ausschließlich junge Leute sind, denen das Wissen über den Umgang mit Geld fehlt. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, die auch darauf basiert, Bedürfnisse von Menschen nicht nur zu befriedigen, sondern diese Bedürfnisse überhaupt erst zu erzeugen. Kinder und Jugendliche sowohl durch die Erziehung zu Hause als auch durch Bildung zu Eigenverantwortung zu befähigen und sie gleichzeitig durch gesetzliche Maßnahmen zu schützen, das halte ich für eine klare Erwachsenenverantwortung. Und selbstverständlich bezieht die Schule ihren Bildungsauftrag nicht zuletzt aus diesem gesellschaftlichen Kontext.

Da der Lehrplan bereits jetzt sehr eng ist, regt das Bündnis eine Entrümpelung an. Ist so etwas möglich? Gibt es Inhalte die für Wirtschaftsthemen entfallen könnten?
Meines Erachtens – und auch nach meiner Erfahrung als Lehrer – bieten die Bildungspläne hinreichend Freiraum, um die beschriebenen Themen und Fragestellungen in diversen Unterrichtsphasen zu behandeln, insbesondere dort, wo Unterricht zum Beispiel in Form von Projektlernen durchgeführt wird. Je nach Schulstufe führen Schulklassen Betriebsbesichtigungen als Vorbereitung für Betriebspraktika durch, erkunden die Gewerbegebiete ihres Stadtteils oder laden Referenten aus der Wirtschaft zu Projektthemen ein. Seit vielen Jahren hält das Netzwerk Schule, Wirtschaft, Wissenschaft einen Referentenpool und damit eine breite Themenauswahl vor. Dieser steht allen Kontaktlehrkräften für Berufsorientierung an den Bremerhavener Oberschulen frei zur Verfügung.

Zur Vermittlung von Wirtschaftswissen benötigen die Lehrer auch entsprechende Qualifikationen. Wie könnte man den Lehrern diese vermitteln? Zunächst muss ein entsprechender Schwerpunkt im Lehramtsstudium abgebildet sein, der sich nicht nur im Mutterfach eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums wiederfindet, sondern die Fachlichkeit für ein ökonomisches, interdisziplinäres Lernen aufzeigt. Lehrkräfte, die als Quereinsteigende an unseren Schulen unterrichten, erfüllen in diesem Kontext eine wichtige Funktion. Ihr vielfältiges, berufspraktisches Erfahrungswissen bereichert und verändert Unterricht. Grundsätzlich erhalten viele Klassenleitungen spätestens in Stufe 8 tiefere Einblicke in Bremerhavener Betriebe, da sie im Rahmen einer Lehrkräftefortbildung in Kooperation mit Handwerks- und Handelskammer ausgewählte Ausbildungsbetriebe besuchen und die dort gesammelten Erkenntnisse dokumentieren und sich gegenseitig präsentieren. Alle Lehrkräfte können sich zudem regelmäßig fortbilden. Die Angebote der Abteilung Schulentwicklung und Fortbildung weisen hier spezielle Angebot im Bereich der Beruflichen Orientierung aus.

Sie sind selber Mitglied im Netzwerk Schule, Wirtschaft und Wissenschaft, das das Bündnis mitgegründet hat. Werden Sie die Ziele des Bündnisses unterstützen? Ich begrüße es, wenn ein außerschulisches Bündnis aus dem Bereich der Wirtschaft den schulischen Auftrag zur ökonomischen Grundbildung unterstützt und fördert. Meinerseits sehe ich das Bündnis aufgefordert, sich zwischen den Realitäten aus Finanzkrise und Kapitalismuskritik zu bewegen, um Ansätze zu schaffen, die wir mit Blick auf eine diversitätsorientierte junge Generation zur Diskussion stellen können. Denn dem Ruf nach veralteten Modellen finanzwirtschaftlichen Handels zu folgen kann nicht Aufgabe von Schule sein. Vielmehr geht es darum, junge Menschen zu befähigen, sich selbstbestimmt, kompetent und kritisch mit den Grundlagen des Marktes und seinen Mechanismen auseinanderzusetzen. Unser regionales Netzwerk hat sich hier bereits als sehr tragfähig erwiesen, insofern hoffe ich auf Synergien, wenn es nun bundesweit Verbindungen knüpft.

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