Olaf Kranz (links), Kester Kirchwehm (Mitte) und Thomas Reinicke vom Gartenbauamt inspizieren den Zustand einer Baumruine.

Olaf Kranz (links), Kester Kirchwehm (Mitte) und Thomas Reinicke vom Gartenbauamt inspizieren den Zustand einer Baumruine.

Foto: Lammers

Olaf Kranz (links), Kester Kirchwehm (Mitte) und Thomas Reinicke vom Gartenbauamt inspizieren den Zustand einer Baumruine.

Heute

Sie kämpfen um jede einzelne hölzerne Klimaanlage der Stadt

Nebelschwaden hängen zwischen den knorrigen Ästen der Rotbuche. In direkter Nachbarschaft ihrer Wurzeln zeugen Grabsteine auf dem Leher Friedhof vom Werden und Vergehen. Ohne Bäume ist Leben unmöglich. Und sogar als Totholz nähren sie noch unterschiedlichste Lebensformen. Kein Wunder also, dass die Mitarbeiter des Gartenbauamtes Rotbuche und Co. hegen und pflegen. Der Klimawandel jedoch stellt sie vor neue Herausforderungen.

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Unter leisem Surren frisst sich der Baum-Resistograph in die Struktur des Stammes. Olaf Kranz überprüft die Qualität des Holzes. Ist es gesund? Oder von Pilzen angegriffen? Er ist der Behüter der Friedhofs-Bäume, wie ihn Gartenbauamts-Chef Thomas Reinicke etwas prosaisch nennt. Wer anfängt, bei Kranz nachzubohren, was es auf sich hat mit der Hege und Pflege der Bäume und deren Bedeutung für jedes Lebewesen, der hört schnell heraus, dass ihr Wohlergehen dem Gärtnermeister eine Herzensangelegenheit ist.

Sorgenkind Baum 1079

Bei Baum 1079 sei ihm schnell nach seinem Dienstantritt klar geworden, dass es sich um ein Sorgenkind handeln würde. Ein sehr altes Sorgenkind wohlgemerkt. 80 bis 90 Jahre mindestens. „Bevor wir die Säge ansetzen, versuchen wir, die Bäume zu erhalten“, erzählt Kranz. Das ist nur so lange möglich, wie die Verkehrssicherheit gewährleistet ist. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt, wenn es um den Bestand der Bäume, um die Frage „Krone absetzen oder nicht“ geht.

Sieben Mitarbeiter des Gartenbauamtes kontrollieren regelmäßig den Zustand der rund 67000 Bäume im gesamten Stadtgebiet. „Alle Bäume sind digital erfasst, ihr Zustand wird dokumentiert“, weiß Kester Kirchwehm vom Gartenbauamt. Dabei gelte das Gleiche wie bei Menschen: „Je älter, desto anfälliger“, sagt Kranz. Ihr Fortbestand wird mit den unterschiedlichsten Hilfen unterstützt. Bei der alten Rotbuche auf dem Leher Friedhof beispielsweise haben Kranz und sein Team mit Schwerlastgurten das Auseinanderbrechen der riesigen Krone verhindert. Morsche Äste müssen rausgenommen, Pilzbefall behandelt werden. Kranz kennt die Befindlichkeiten seiner Schützlinge genau.

Die Krone der Buche auf dem Leher Friedhof musste mit Gurten geschützt werden.

Die Krone der Buche auf dem Leher Friedhof musste mit Gurten geschützt werden.

Foto: Lammers

„Jedes Mal ein Trauerfall"

Manche Bäume tragen eingeritzte Initialen. Ob dessen Urheber vielleicht schon längst unter einem der Grabsteine liegen, weiß wohl niemand. Fest steht jedoch, dass Kranz mit seinen Befürchtungen um Baum 1079 recht hatte: „Das Holz war vom Pilzbefall zerstört, die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben, dem Baum musste die Krone abgenommen werden.“ Nicht ohne, dass zuvor ein Gutachter befragt worden wäre. „Das ist jedes Mal ein Trauerfall. So ein alter Baum ist ein Lebewesen, das vermutlich mehr erlebt hat als die meisten Bremerhavener“, beschreibt Reinicke die Gefühle der Baumschützer. Doch es gibt Trost: Die Baumruine von 1079 bleibt stehen, bietet fortan Lebensraum für unzählige Käfer, Insekten und Vögel wie Specht und Kleiber.

Klimawandel wird zur Herausforderung

Ein Phänomen stellt die Mitarbeiter des Gartenbauamtes vor neue Herausforderungen: der Klimawandel. „In den vergangenen drei Jahren hatten wir extrem wenig Regen. Den Bäumen fehlt Wasser, das führt zur Ausbildung von Totholz, macht sie anfälliger für Krankheiten“, so Reinicke. „Die Ausgaben für Baumschutzmaßnahmen haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt“, sagt er und betont die Bedeutung der Bäume: „Bäume sind die Klimaanlagen in der Stadt. Sie sorgen für Sauerstoff und Abkühlung in den zugepflasterten Innenstädten.“

Klimabedingte Stressfaktoren

Einige Baumarten seien unterstützt durch die klimabedingten Stressfaktoren vom Aussterben bedroht. Kastanien zum Beispiel. „Lediglich den ganz alten Kastanien konnten die neuen klimatischen Bedingungen nichts anhaben“, so der Gartenbauamtsleiter. Für Jüngere gelte das nicht. Die alten Kastanien seien deswegen besonders schützenswert. Ihr Abholzen sei durch keine Ausgleichspflanzung gut zu machen. Bei Neuanpflanzungen greifen die Seestadt-Gärtner daher zu an wärmeres Klima angepasste Arten wie dem Amber-Baum.

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