Die Aufnahme zeigt sichergestellte Kokainpakete aus einem Fund in Hamburg. In Bremerhaven soll in diesem Jahr so viel Kokain sichergestellt worden sein wie noch nie. Die Ermittler aber schweigen dazu.

Die Aufnahme zeigt sichergestellte Kokainpakete aus einem Fund in Hamburg. In Bremerhaven soll in diesem Jahr so viel Kokain sichergestellt worden sein wie noch nie. Die Ermittler aber schweigen dazu.

Foto: Reinhardt/dpa

Die Aufnahme zeigt sichergestellte Kokainpakete aus einem Fund in Hamburg. In Bremerhaven soll in diesem Jahr so viel Kokain sichergestellt worden sein wie noch nie. Die Ermittler aber schweigen dazu.

Heute Erlesenes aus 2020 - November

So viel Kokain wie nie – aber die Ermittler schweigen

Der letzte offiziell aufgeflogene Drogenschmuggel im Hafen liegt beinahe ein Jahr zurück: 13 Kilogramm Kokain wurden im Januar sichergestellt. Danach meldeten weder der Zoll noch die Polizei neue Erfolge ihrer Arbeit. Tatsächlich aber sollen in diesem Jahr so viele Drogen durch die Häfen geschmuggelt worden sein wie nie zuvor.

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Man gebe keine Auskunft zu laufenden Ermittlungen, sagt Andreas Franke, Sprecher des für Bremerhaven zuständigen Zollfahndungsamtes Hamburg, nur knapp. Hinter den verschlossenen Türen des Ausschusses für öffentliche Sicherheit war vor einer Woche aber die Rede von „großen Sicherstellungen“ und Rekordmengen. Darüber wurden die Stadtverordneten von Kripochef Jörg Seedorf informiert. Der bestätigt das auch gegenüber NORD|ERLESEN: Kokain sei in diesem Jahr „so viel wie noch nie“ entdeckt worden. Dass die Aufgriffe nicht öffentlich bekanntgemacht wurden, liege an den laufenden Ermittlungen. Zu den Mengen will sich Seedorf ebenfalls nicht äußern. Bisherige Rekordmenge im Überseehafen waren im Jahr 2017 insgesamt 1,3 Tonnen, die aus dem Verkehr gezogen wurden und den Dealern bei einem Verkauf fast 300 Millionen Euro beschert hätten.

Bei dem in diesem Jahr sichergestellten Rauschgift soll es sich überwiegend um hochreines Kokain gehandelt haben – der Wirkstoffanteil liegt bei 80 bis 90 Prozent. Wer es in dieser Form zu sich nimmt, dürfte das kaum überleben. In der Regel wird ein Kilogramm reiner Stoff für den Endverbrauch auf drei Kilogramm gestreckt. Zunehmend spielten auch Waffen eine Rolle beim Schmuggel, bestätigt Seedorf.

Die Erfolge führen die Ermittler beim Zoll und der Kriminalpolizei auch auf ihre engere Zusammenarbeit seit Anfang 2019 zurück: Seitdem arbeitet ziemlich im Verborgenen eine gemeinsame Ermittlungsgruppe von Polizisten und Zollfahndern daran, die organisierte Drogenkriminalität zu bekämpfen. Die Arbeit der Spezialeinheit zielt darauf ab, den Schmuggel über den Hafen zu stören und Banden zu zerstören. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, wurde das Projekt ebenfalls lange geheim geführt. Was zunächst als ein Test angedacht war, soll nun nach zwei Jahren Arbeit zu einer festen Einheit werden, die den Hafen im Fokus hat, bestätigt Seedorf.

Internationale Drehscheibe

Für die Arbeit der behörden- und ressortübergreifenden Projektgruppe wurden Büros in der Ortspolizeibehörde eingerichtet, Kripo und Zoll stellen Personal und technische Ausstattung, auch das Landeskriminalamt und die Wasserschutzpolizei sind mit im Boot. Wie groß die Einheit ist, wird aus taktischen Gründen verschwiegen.

Bremerhaven mit all seinen Verbindungen zur Organisierten Kriminalität ist neben Hamburg zu einer der Haupt-Drehscheiben des internationalen Rauschgiftschmuggels geworden. Die Menge des im Hafen sichergestellten Kokains ist seit 2016 sprunghaft gestiegen. Meist sind die Drogen in schwarze Reisetaschen verpackt und die stehen häufig in Containern voller Bananen. Entdeckt wurde Kokain aber auch schon zwischen Kaffee, hinter Wein, in Gebrauchtwagen, unter Schrott und in Motoren und sogar in tiefgefrorenem Fisch. Der bisher größte bekannte Einzelfund von 1,1 Tonnen war 2017 zwischen Rigipsplatten versteckt, die von Südamerika über Bremerhaven nach Spanien verschifft werden sollten. Das kam dem Zoll verdächtig vor.

Bestechung von Hafenarbeitern

Im Zollamt Bremerhaven arbeitet eigens eine Risikoanalysegruppe, die alle Zollanmeldungen für Containerschiffe auf ihre Plausibilität auswertet. Aber auch Hinweise auf mögliche Schmuggelware landen hier. Durch Auswertung dieser Hinweise, Abgleich mit schwarzen und Terrorlisten sowie die Beurteilung nach geheimen Kriterien werden aus der Masse täglich Ladungen herausgepickt. Das sind am Tag bis zu 400, im Jahr bis zu 100.000 Container, die durchleuchtet werden.

Als eine Besonderheit betrachten die Ermittler, dass die schwer kriminellen Banden in Bremerhaven Personal aus dem Hafen anwerben, um ihre Kenntnisse auszunutzen oder sie als Handlanger einzusetzen. Hafenarbeiter werden bestochen, die Fracht zu entladen und aus dem Hafen zu schaffen. Sie sind im dreckigen Millionenpoker des Drogenschmuggels zwar meist nur kleine Fische. Aber sie werden mit dem Versprechen aufs große Geld angeworben. Gebraucht werden sie, weil sie Van Carrier fahren können, Zugang zum Terminal haben, Container orten und auch entsichern können. Gerade erst wurden wieder fünf Männer im Alter zwischen 29 und 46 Jahren angeklagt, die im Hafen beschäftigt waren. Der Prozess soll ihnen im nächsten Jahr gemacht werden.

Im Fall vom Januar sollten die 13 Kilogramm Kokain ohne Abdeckung im Kofferraum eines Autos aus dem Hafen hinausgebracht werden – verpackt in Plastiktüten. Nur einem Zeugen war es offenbar zu verdanken, dass 200 Kilogramm Kokain im August aus einem Kleintransporter auf der A27 geholt werden konnten. Auch diese Drogen sollen im Container aus Übersee angekommen sein.


Mehr Kokain

Die Menge des im Hafen sichergestellten Kokains ist 2016 sprunghaft auf 385 Kilogramm gestiegen, Straßenverkaufswert damals annähernd 70 Millionen Euro.

Im Jahr darauf war die Menge schon bis April beschlagnahmt worden, und bis zum Jahresende kamen 1,3 Tonnen zusammen.

In Südamerika werde Kokain in Anlagen hergestellt, die einer Industrie glichen, warnt die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft. Europa werde mit der pflanzlichen Droge überschwemmt, die sichergestellten Mengen hätten sich innerhalb von fünf Jahren versechsfacht.

Erstmals haben Ermittler in Deutschland 2019 mehr als zehn Tonnen Kokain in einem Jahr sichergestellt. Darunter waren 4,5 Tonnen mit einem Straßenverkaufswert von rund einer Milliarde Euro bei einem einzigen Aufgriff in Hamburg.

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