TiF-Geschäftsführer Jörg Göddert.

TiF-Geschäftsführer Jörg Göddert.

Foto: Heske

TiF-Geschäftsführer Jörg Göddert.

Heute

Theater rüstet sich für den „kompletten Neustart“

Mit dem Theater im Fischereihafen (TiF) im Jahr 1996 eine weitere Spielstätte zusätzlich zum Stadttheater aus der Taufe zu heben, das war angesichts der chronisch knappen Stadtkasse ein viel diskutierter Schritt. 25 Jahre später lässt sich feststellen: Das TiF zählt zu den beliebtesten Veranstaltungsorten der Stadt. Im Interview berichtet der Geschäftsführer und künstlerische Leiter Jörg Göddert von den Qualitäten des Hauses am Schaufenster Fischereihafen sowie von den Problemen durch die Corona-Pandemie – für das Theater und für die Künstler.

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Eine mittelgroße Kulturspielstätte 25 Jahre lang erfolgreich zu betreiben, ist ja kein Selbstgänger. Was sind die größten Stärken des TiF? Das TiF hat eine Angebotslücke gefüllt. Wir hatten ja vorher keine Bühne für Comedy, kleine Theaterinszenierungen und Musikkabarett in der Stadt. Das hast du höchstens mal im Lehe-Treff oder im Folk-Treff gesehen. Das TiF bietet aber einen professionelleren Rahmen für mittelgroße Kulturveranstaltungen. Das ist bis heute eine der großen Stärken. Außerdem war Kontinuität wichtig: Theater braucht Zeit, um sich zu etablieren. Dorothee Starke hatte als damalige Geschäftsführerin in den Jahren 1997 bis 2008 nach dem Start mit Peter Koettlitz wesentlichen Anteil daran, dass das TiF ins Laufen gekommen ist. Und nicht zu vergessen unser zweiter Geschäftsführer Jürgen Ahlf, der seit Beginn des TiF immer ein wachsames Auge auf unsere Finanzen hat. Nach 25 Jahren sind wir trotz eines kleinen Etats immer noch da und fahren seit zehn Jahren mit einer Auslastung von durchschnittlich 95 Prozent. Die Zuschauer nehmen das TiF super an.

Gab es auch Programmangebote, die nicht funktioniert haben? Sind Sie irgendwann mal falsch abgebogen? Das glaube ich nicht. Schön ist, dass wir die Freiheit haben, alles probieren zu können. Wir müssen wegen des kleinen Etats aber genau hingucken, was wir uns leisten können. Comedy ist leichter zu verkaufen als zum Beispiel Tanztheater, obwohl das inhaltlich auch seinen Platz haben könnte. Es hat allerdings nur begrenztes Zuschauer-Potenzial in der Stadt. Weil wir eine gute Auslastung brauchen, müssen wir das Angebot darauf zuschneiden. Für mich als Programmmacher gilt: Mir muss auch nicht alles gefallen. Es muss nur handwerklich gut gemacht sein.

Waren die Erfahrungen als Mitglied der Theatertruppe Instant Impro für die Geschäftsführung hilfreich? Total, weil ich beide Seiten kenne. Ich habe viel auf der Bühne gestanden und andere Häuser mit ihren Programmen gesehen, ihre Atmosphäre gespürt. Außerdem weiß ich, wie ich als jemand, der auf der Bühne steht, behandelt werden möchte.

Die geistige Brache, die entsteht, ist schwierig. Vor der Pandemie hatten wir mit Instant Impro zum Beispiel 80 bis 100 Auftritte pro Jahr. Wenn das dann auf Null geht, fehlt da einfach etwas.
Jörg Göddert

Seit einem Jahr haben die Bekämpfungsmaßnahmen gegen die Pandemie das kulturelle Leben fast komplett zum Stillstand gebracht. Wie geht das TiF damit um? Wir schieben und schieben und schieben. Selbst in der eingeschränkten Öffnungsphase im vergangenen Herbst konnten wir Veranstaltungen, die im Vorfeld weitgehend ausverkauft waren, nicht stattfinden lassen. Wir haben 300 Plätze, und 85 bis 90 waren nur zulässig. Teilweise haben wir dann neue Veranstaltungen mit eingeschränkter Besucherzahl ins Programm genommen. Aber ein Konzert der A-cappella-Band Maybebob ist zum Beispiel seit 2019 ausverkauft, und wir haben es inzwischen viermal verschoben. Unsere Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, und trotz November- und Dezemberhilfen fehlen die Einnahmen. Vor Corona sind wir wirtschaftlich gut hingekommen. Der Jahresabschluss 2020 ist noch in Arbeit. Ich bin gespannt, wie groß das Defizit ausfallen wird und wie wir gemeinsam mit unseren Gesellschaftern – Stadt und Fischereihafen-Betriebsgesellschaft – eine Lösung finden.

Wie geht es den Künstlern? Die geistige Brache, die entsteht, ist schwierig. Vor der Pandemie hatten wir mit Instant Impro zum Beispiel 80 bis 100 Auftritte pro Jahr. Wenn das dann auf Null geht, fehlt da einfach etwas. Das geht vielen mächtig auf die Nerven. Das gemeinsame emotionale Erlebnis auf der Bühne ist einfach etwas anderes, als vor einer Video-Kamera zu stehen.

Hadern Sie als Theater-Verantwortlicher und Bühnenkünstler mit den aktuellen Regeln? Oder haben Sie Verständnis? Beides. Im vergangenen Jahr haben wir nach der Diskussion, wie man unter Pandemie-Bedingungen spielen kann, dafür ein Hygiene- und Betriebskonzept entwickelt. Das hat auch gut funktioniert – allerdings mit weniger Zuschauern. Als wir dann wieder schließen mussten, hätte ich mir das differenzierter gewünscht. Es wäre natürlich gut gewesen, wenn man genauer hingesehen hätte, an welcher Stätte ein Betrieb weiterhin möglich gewesen wäre. Ich verstehe aber auch: So ein differenziertes Hinschauen macht sehr viel Arbeit und erfordert viel Personal.

Insgesamt fand ich die Aktion misslungen. Die hat ihren Sinn und Zweck verfehlt. Die beteiligten Schauspieler sind da aus meiner Sicht wirklich falsch abgebogen. Das darf aber sein. Die Schauspieler haben das Recht, so etwas zu machen, auch wenn das hier nach hinten losging.
Jörg Göddert

Wie bewerten Sie denn die viel diskutierte Aktion „#allesdichtmachen“, bei der 50 deutsche Schauspieler mit ironisch gemeinten Videos die Corona-Politik kritisieren? Insgesamt fand ich die Aktion misslungen. Die hat ihren Sinn und Zweck verfehlt. Die beteiligten Schauspieler sind da aus meiner Sicht wirklich falsch abgebogen. Das darf aber sein. Die Schauspieler haben das Recht, so etwas zu machen, auch wenn das hier nach hinten losging. Künstlerische Freiheit bedeutet ja auch, etwas zu tun, von dem man hinterher feststellen darf: Das war nix! Die Art und Weise, wie anschließend mit den Menschen umgegangen wurde, fand ich allerdings auch unfassbar respektlos. Was soll das, dass manche dann sogar „Berufsverbote“ für Akteure wie Jan Josef Liefers fordern?

Wie sieht der TiF-Fahrplan für die Zeit aus, wenn sich Corona-Regeln wieder lockern? Für den Juni haben wir noch zwei bis drei Veranstaltungen im Plan, die wahrscheinlich aber auch nicht stattfinden können. Ich meine, dass durch die Zunahme der Geimpften und Genesenen und durch den Einsatz von Schnelltests aber in absehbarer Zeit ein normaler Betrieb im TiF möglich sein muss. Ich hoffe auf einen normalen Spielbetrieb ab September. Für mich fühlt es sich wie ein kompletter Neustart an. Was ich nicht einschätzen kann: Geht es wieder so weiter wie vor der Pandemie?

Geht das TiF gut gerüstet in die nächsten 25 Jahre oder besteht Reformbedarf? Ich glaube, wir sind gut gerüstet. Die FBG stattet den Saal technisch aus, und wenn wir mit Licht und Ton weiterhin so gut dastehen wie bisher, dann können wir damit gut arbeiten. Ich würde mir allerdings wünschen, dass wir im Etat mehr Möglichkeiten zu mehr künstlerischer Freiheit hätten. Dann könnten wir im Programm wieder mehr Risiko gehen und müssten nicht alles von der zu erwartenden Auslastung abhängig machen.

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