Alkohol in Massen: Forscher vermuten, dass Corona-Stress auch Suchtverhalten fördern kann.

Alkohol in Massen: Forscher vermuten, dass Corona-Stress auch Suchtverhalten fördern kann.

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Alkohol in Massen: Forscher vermuten, dass Corona-Stress auch Suchtverhalten fördern kann.

Heute

Wenn die Pandemie-Folgen
auf die Psyche durchschlagen

So wenig Kontakte wie möglich: Das gilt seit Beginn der Corona-Pandemie als eine der wichtigsten Strategien zu deren Bekämpfung. Der daraus resultierende Stress könnte riskanten Alkohol- und Tabakkonsum sowie Suchtverhalten fördern. Das jedenfalls meint eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) Mannheim und der Universitätsklinik Nürnberg. Welchen Einfluss die Pandemie auf die Arbeit der Suchtberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo) hat, weiß deren Leiterin, Christa Seidel.

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Der Studie zufolge trinken 37,4 Prozent der Befragten seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen mehr Alkohol. 42,7 Prozent der Studienteilnehmer konsumieren mehr Tabak als zuvor. Daher sei es wichtig, über Risiken und mögliche Langzeitfolgen zu informieren sowie niederschwellige medizinische und soziale Hilfsangebote bereits während der Akutphase der Corona-Pandemie aufzubauen, schlussfolgern die Autoren der Studie.

Christa Seidel ist Leiterin der Suchtberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo).

Christa Seidel ist Leiterin der Suchtberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo).

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Bedarf an Beratung und Therapie

Aufklärung und Hilfsangebote rund um das Thema Sucht bietet die Awo-Suchtberatungsstelle in der Wurster Straße an. „Wir hatten auch bereits vor Corona ein hohes Besucheraufkommen“, sagt Seidel. Die Psychologin vermutet jedoch, dass der Bedarf an Beratung und Therapie weiter wachsen wird, je länger die Krise anhält: „Die erhebliche Einschränkung der sozialen Begegnungen und der persönlichen Freiheit führt zu erhöhter psychischer Belastung und hat negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit“, meint Seidel. Suchtmittel seien gerade in Krisenzeiten für viele Menschen ein Versuch, psychisch extrem belastende Situationen wie die Angst, an Corona zu erkranken oder gar zu sterben, Einsamkeit oder Angst um den Job zu bewältigen. „Suchtmittel sollen entspannen, beruhigen und Ängste und Sorgen verringern.“ Hinzu komme, dass viele Möglichkeiten, die normalerweise helfen, Stress abzubauen, wie Sport und Ähnliches, im Lockdown entfallen.

Die Gefahr von Suchtproblemen

All das könne zu Risikosituationen vor allem für suchtgefährdete oder suchtmittelabhängige Menschen werden. „Der Stress kann zur Überforderung führen und bei trockenen Alkoholikern einen Rückfall auslösen“, sagt Seidel. Außerdem entfalle durch die Kontaktbeschränkungen bei vielen Menschen auch die soziale Kontrolle, die sonst vor einem hohen Suchtmittelkonsum schütze.

Dass all diese Faktoren für zahlreiche Menschen die Gefahr von Suchtproblemen birgt, zeigt sich an dem starken Aufkommen an telefonischen Beratungen in der Suchtberatungsstelle. „Wir erwarten einen erhöhten Zulauf auch für die offene Sprechstunde, sobald wir diese wieder anbieten können“, so die Psychologin.

Professionelle Hilfe

In der Suchtberatungsstelle stehen den Hilfesuchenden Therapeuten zur Seite, die allesamt über eine anerkannte Suchttherapieausbildung verfügen. Während der Beratung würden Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt, Hilfesuchende in ambulante und stationäre Suchttherapien vermittelt, sagt Seidel.

Ganz wichtig dabei: „Bei einem Suchtproblem ist die Entgiftung im Krankenhaus immer einer Therapie vorgeschaltet. Dreh- und Angelpunkt bei der Bewältigung eines Suchtproblems sei immer: „Sich schnell professionelle Hilfe zu holen, um aus dem Teufelskreis der Sucht möglichst früh ausbrechen zu können.“

Kontakte zu Freunden halten

Um seelisch gesund durch die Krise zu geraten, rät die Psychologin generell dazu, auf anderen Wegen Kontakt zu Freunden und Familie zu halten: „Neben Telefonaten besteht die Möglichkeit über Messenger-Dienste wie Whatsapp oder Skype einen Austausch zu pflegen. Eventuell kann man auch mit Freunden online gemeinsam spielen oder ein gemeinsames Projekt starten, wie zum Beispiel körperliche Betätigung wie regelmäßige Spaziergänge, über ein Buch diskutieren oder andere Menschen im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, zum Beispiel durch Einkaufen unterstützen.“

Wer jedoch in einer akuten Krise sei und Gefühle wie Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit und Einsamkeit habe, sollte, so Seidel, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen: „Besonders dann, wenn eine akute Selbst- und Fremdgefährdung vorliegt.“ Anlaufstellen seien hier der Hausarzt sowie der ärztliche Bereitschaftsdienst unter Tel. 116117 und der Rettungsdienst unter Tel. 112.

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