Kinder und Mütter in Geesthelle auf einem möglicherweise im Ersten Weltkrieg oder in den 1920er Jahren entstandenen.

Kinder und Mütter in Geesthelle auf einem möglicherweise im Ersten Weltkrieg oder in den 1920er Jahren entstandenen.

Foto: Archiv Ernst

Kinder und Mütter in Geesthelle auf einem möglicherweise im Ersten Weltkrieg oder in den 1920er Jahren entstandenen.

Heute

Widerstandskämpfer wächst in Rickmers-Arbeitersiedlung auf

Eine Fotografie zeigt Frauen, Kinder und Hühner an einer Kopfsteinpflasterstraße vor Backstein-Reihenhäusern, an denen Fahrräder lehnen: Auf Dokumente der Rickmers-Arbeitersiedlung Geesthelle – ein vergangenes Stück Stadtgeschichte – stieß Dr. Manfred Ernst während seiner Recherchen über Folkert Potrykus (1900-1971). Der Lokalhistoriker schreibt eine Biografie über den Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten. Ein Heft dokumentiert Geesthelle, in dem Potrykus aufgewachsen ist, im Jahre 1940. Der Fotograf gibt Ernst allerdings Rätsel auf.

Kreis-Icon-Nordstern

„Mir geht es nicht nur um das Wirken von Folkert Potrykus als Widerstandskämpfer, sondern auch um sein soziales und politisches Umfeld in Bremerhaven“, berichtet Ernst. In diesem Zusammenhang hat Ernst Artikel über Geesthelle ausgegraben, die in den Jahren 1967 und 1968 im „Nordsee-Kalender“ erschienen.

Der erste Text stammt von Folkert Potrykus selbst. Wie schon sein Großvater und sein Vater war Potrykus Werftarbeiter und wuchs in der Arbeitersiedlung auf dem Gelände der Rickmers-Werft auf. Potrykus arbeitete wie sein Vater als Dreher. „Erst 1930 übersiedelte er nach Bremen, wo er als Redakteur der kommunistischen Arbeiterzeitung tätig war“, erzählt Ernst. Bereits vorher hatte Potrykus als sogenannter Arbeiterkorrespondent kleine Artikel unter anderem über Themen wie die Ausbeutung von Arbeitern verfasst.

Neben dem noch heute erhaltenen Rickmers-Tor und der Gaststätte Waterstraat ging es nach Geesthelle.

Neben dem noch heute erhaltenen Rickmers-Tor und der Gaststätte Waterstraat ging es nach Geesthelle.

Foto: Meier

Vorbereitung zum Hochverrat

Seine politischen Aktivitäten rückten Potrykus ab 1933 sofort ins Visier der Vertreter des nationalsozialistischen Regimes. Nach dem Verbot der kommunistischen Zeitung produzierte Potrykus dennoch im Untergrund eine kleinere Arbeiterzeitung im Spadener Moor. Nachdem er verraten worden war, verhaftete ihn die Geheime Staatspolizei (Gestapo) im Oktober 1933. Im folgenden Jahr verurteilte das Oberlandesgericht Hamm Potrykus wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren Zuchthaus. Nachdem er diese Zeit verbüßt hatte, inhaftierten die Nazis ihn jedoch bis 1938 in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen. „Potrykus war zur gleichen Zeit in Esterwegen wie Carl von Ossietzky“, erläutert Ernst. „Nach dem Krieg sagte er als Zeuge gegen ehemalige SA-Leute aus, die in Esterwegen Häftlinge geschlagen hatten.“

Mütter, Kinder und Hühner auf der Kopfsteinpflasterstraße vor der Häuserzeilen mit Arbeiterwohnungen in Geesthelle.

Mütter, Kinder und Hühner auf der Kopfsteinpflasterstraße vor der Häuserzeilen mit Arbeiterwohnungen in Geesthelle.

Foto: Meier

Zehn Reichsmark Miete

Potrykus berichtet in seinem Beitrag über Geesthelle vor allem über die Nacht vom 18. September 1944, als mit der Innenstadt und Teilen von Geestemünde auch ein großer Teil der Arbeitersiedlung im Bombenhagel der Royal Air Force zerstört wurde. „Nur zwei Häuser blieben stehen und wurden Ende der 1960er Jahre abgerissen“, sagt Ernst.

Die Miete in den Rickmers-Werkswohnungen habe zehn Reichsmark pro Monat betragen „und wurde nie erhöht“, schrieb Potrykus über Geesthelle. Dafür habe man aber „verschiedene Unannehmlichkeiten“ in Kauf zu nehmen gehabt: „Klosett außerhalb des Hauses, Wasser ebenfalls, und die Petroleumlampe brannte bei uns bis 1916. Die kriegsmäßige Verknappung brachte uns das elektrische Licht.“ Die Wasserleitung in die Wohnung hinein habe sich Potrykus nach dem Zweiten Weltkrieg als Stadtverordneter „sozusagen selbst bewilligen“ müssen.

Geesthelle bildete eine eigene Wohnsiedlung auf dem Rickmers-Werftgelände.

Geesthelle bildete eine eigene Wohnsiedlung auf dem Rickmers-Werftgelände.

Foto: Meier

90 Familienwohnungen für Arbeiter

Werftbesitzer Rickmer Clasen Rickmers hatte auf dem Gelände der 1857 in Betrieb gegangenen Werft auch die Arbeitersiedlung Geesthelle errichten lassen. Sie umfasste 90 Familienwohnungen. Der fast im rechten Winkel verlaufende Reihenhausbau schirmte die auf dem Werftgelände stehende Rickmers-Villa von der Hafenstraße im Westen und einer längst verschwundenen Eisenbahnlinie im Norden ab. Keine der Wohnungen verfügte über einen Ausgang zur Werftseite, und auch die Fenster zum Innenhof ließen sich mit Ausnahme kleiner Scheiben nicht öffnen. Der Grund: „Der Werftbesitzer wollte im Innenhof und in seinem Garten voller Obstbäume seine Ruhe haben“, sagt Ernst. Alle 90 Wohnungen bestanden aus Stube, Schlafzimmer und Küche – außen befand sich eine Gemeinschaftstoilette.

Das Leben in Geesthelle beschreibt auch ein Bericht von Adolf Meier aus dem Jahr 1968 genauer. „In dieser Enge wohnten durchweg acht-, zehn- und zwölfköpfige Familien“, erzählt Meier. Zwei oder drei Personen hätten sich eines der kojenartig übereinandergestapelten Betten teilen müssen. Nicht selten sei bei Sturmfluten das Wasser zum Leidwesen der Bewohner in die unteren Stockwerke gelaufen.

Primitive Verhältnisse

Dr. Manfred Ernst arbeitete jahrzehntelang als Anwalt und Notar in Bremerhaven. Daneben hat er lokalhistorische Publikationen veröffentlicht, darunter „Der aufrechte Gang“ (1985). Für weitere Informationen über den Geesthelle-Fotografen Meier: Tel. 0471/84206, E-Mail: mjwernst@gmx.de.

Dr. Manfred Ernst arbeitete jahrzehntelang als Anwalt und Notar in Bremerhaven. Daneben hat er lokalhistorische Publikationen veröffentlicht, darunter „Der aufrechte Gang“ (1985). Für weitere Informationen über den Geesthelle-Fotografen Meier: Tel. 0471/84206, E-Mail: mjwernst@gmx.de.

Foto: Heske

Da die Väter auch sonnabends zwölf Stunden arbeiteten, sei es vor allem den Müttern zugefallen, die Schwierigkeiten der primitiven Verhältnisse zu bewältigen. Meier erinnert sich, wie die Jungen aus der Siedlung nach Stapelläufen die Schmierseife vom Helgen kratzten, um den Müttern günstig Waschmittel zu beschaffen. Trotz aller Kargheit hätten es die Geestheller Mütter verstanden, „frohe Menschen aus uns zu machen“.

Text und Bilder passen zu einem kleinen Heft mit Originalfotografien aus dem November 1940, das Ernst über Freunde bekommen hat. Der Fotograf berichtet darin handschriftlich davon, dass er zunächst wegen Spionageverdachts von der Gestapo verhaftet worden sei, fünf Mark Strafe habe zahlen müssen, den beschlagnahmten Film mit den Aufnahmen nach einem Jahr auf Antrag jedoch wieder zurückbekommen habe.

Fertigstellung bis 2023

Fotograf war ein Herr Meier, dessen Vorname nicht genau zu entziffern ist, aber – das ist zu erkennen – nicht Adolf lautete. Die Bilder tauchen allerdings wieder in dem Artikel von Adolf Meier von 1968 auf, der laut „Nordsee-Kalender“ gebürtiger Bremerhavener und zum Veröffentlichungszeitpunkt schon wohnhaft in Bremen gewesen sei. „Ich möchte natürlich gern wissen, wer Herr Meier, der Fotograf, ist“, sagt Ernst. Adolf Meier oder ein Verwandter?

Fertigstellen möchte Ernst die Folkert-Potrykus-Biografie bis 2023 – dem 90. Jahrestag der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten. „Im Bundesarchiv gibt es noch jede Menge Material, das ich sichten will“, kündigt er an.

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