Trotz Pandemie ist es möglich, an einer Gin-Verkostung teilzunehmen. Die Wilstedter Landfrauen haben es jetzt angeboten.

Trotz Pandemie ist es möglich, an einer Gin-Verkostung teilzunehmen. Die Wilstedter Landfrauen haben es jetzt angeboten.

Foto: Kurth

Trotz Pandemie ist es möglich, an einer Gin-Verkostung teilzunehmen. Die Wilstedter Landfrauen haben es jetzt angeboten.

Leben

Gin schmeckt auch online gut

Sascha Mühlenbeck vom Bremer Kolonialwarenladen Heimathaven kann zu Gin und seinem Geschmack Geschichten erzählen. Den Wilstedter Landfrauen hat er das Genuss-Erlebnis bei einem Online-Tasting vermittelt. Im Vorfeld bekamen die Teilnehmerinnen ihr Tasting-Set, machten es sich am Veranstaltungsabend vor dem Bildschirm gemütlich und lauschten den Ausführungen des Experten. Und ab und an mussten sie auch mal ein wenig trinken und bewerten.

Kreis-Icon-Nordstern

Kapitel in diesem Artikel

Die Online-Verkostung

Mit Online-Verkostungen haben die Wilstedter Landfrauen schon Erfahrung, erst vor wenigen Wochen ließen sie sich von Christine Stratmann-Egbers fünf Sorten Wein vorstellen. Für das Gin-Tasting, für die überwiegende Zahl der Teilnehmerinnen eine Premiere, wurde nun Sascha Mühlenbeck als Experte engagiert. 2017 hat er mit seiner Partnerin den traditionsreichen Kolonialwarenladen Holtorf im Ostertorviertel übernommen, und gab ihm den Namen Heimathaven - ein gleichnamiges Geschäft führt er in Oldenburg. Das Motto an beiden Standorten: Hier gibt es alles, was dick, betrunken und glücklich macht.

Ein Modell der Zukunft

Derzeit ist er jedoch vor allem online unterwegs. Denn nicht nur die Wilstedter Landfrauen, sondern auch andere Organisationen oder Firmen haben in Zeiten der Corona-Pandemie diese Art von Wein-, Gin- oder Whisky-Proben für sich entdeckt. „Online-Verkostungen sind für mich ganz klar ein Modell der Zukunft. Alle Teilnehmenden können das zu Hause in den eigenen vier Wänden genießen, den Abend entspannt gestalten, und müssen hinterher auch nicht mehr nach Hause fahren. Und meine Erfahrung ist, dass solche Online-Abende auch das Potenzial haben, verstreute Freundeskreise mal wieder zusammen zu bringen“, sagt Mühlenbeck.

Dieses Paket gab es für alle Teilnehmer vor der Online-Verkostung.

Dieses Paket gab es für alle Teilnehmer vor der Online-Verkostung.

Foto: privat

Gefallen an diesem Format haben eben auch die Wilstedter Landfrauen gefunden: Nach der Weinprobe war jetzt auch das Gin-Tasting gut besucht. Sascha Mühlenbeck stellte sich seinem Publikum ausführlich vor, und dann ging es mit dem ersten Gin los - streng nach dem immer gleichen Ritual. Eingießen ins Nosing-Glas mit Heimathaven-Aufdruck, riechen. Bei der Frage nach dem Geruch hört der Experte von den Frauen Wacholder - immer richtig - und Kräuter, aber auch Zitrusfrüchte.

Tonic nach Geschmack oder Wirkung

Nun gilt es, den Gin pur zu probieren. Dann wird das hochprozentige Getränk in ein anderes Glas gegossen, das zuvor mit Eiswürfeln bestückt wurde. Und wieder muss probiert werden. Final kommt das Tonic-Water dazu, das zuvor auch pur probiert wurde, im Verhältnis drei zu eins. Man könne das auch individuell gestalten, scherzt Mühlenbeck, je nachdem, ob man mehr Wert auf Geschmack oder auf Wirkung lege.

Die Apothekerfläschen mit den Gin-Proben sind nur nummeriert, und der Experte erklärt auch, warum das so ist. „Wir haben alle unsere Meinungen, und wenn man vorab zuviel über den Gin weiß, und womöglich schon mal im Internet recherchiert hat, verfälscht das immer die Bewertung.“ Schließlich wird das Geheimnis von ihm enthüllt: Die erste Probe war „No.3 London Dry Gin“ von Berry, Bros & Rudd aus London.

Sascha Mühlenbeck ist in seinem Element, wenn er Gästen seiner Tastings verschiedene Gin-Sorten nahe bringen kann. Seit der Pandemie bietet er die Verkostung auch online an.

Sascha Mühlenbeck ist in seinem Element, wenn er Gästen seiner Tastings verschiedene Gin-Sorten nahe bringen kann. Seit der Pandemie bietet er die Verkostung auch online an.

Foto: Heimathaven

„Ein Gin, genau wie ein Gin sein soll – das war die Vorgabe für No. 3 London Dry Gin. Im Auftrag von Großbritanniens ältestem Spirituosen- und Weinfachhändler widmete der renommierte Experte Dr. David Clutton ganze 730 Tage der Entstehung der Wacholder-Spirituose. Für die trafen dann der Gin-Doktor und Berry Bros. & Rudd eine detailgenaue Auswahl dreier Gewürze und Früchte“, berichtet Sascha Mühlenbeck.

„Mit den traditionellen Botanicals Wacholder, Angelikawurzel, Kardamon, Koriander, Orangenschalen und Grapefruit überzeugt No. 3 nicht nur geschmacklich, sondern setzt ein willkommenes Gegengewicht zur aktuellen New-Western-Style-Welle.“

Gin Tonic ist die „Cash-Cow“ in Bars

Mit der New-Western-Style-Welle meint er übrigens Gin-Sorten, die vor ein paar Jahren noch gar kein Gin waren. „Nach alter Definition musste Wacholder bei einem Gin durchschmecken. Aber Gin hat sich verändert, muss heute nur noch bestimmte Prozente an Wacholder enthalten. Dadurch wurden mehr Interessenten für dieses Getränk erschlossen“, erklärt Mühenbeck auf Nachfrage. „Man muss dazu wissen, dass Gin Tonic in Bars heutzutage die Cash-Cow ist, davon geht einfach am meisten über den Tresen.“

In Bars zählt Gin Tonic zu den beliebtesten Getränken.

In Bars zählt Gin Tonic zu den beliebtesten Getränken.

Foto: Jens Kalaene/dpa

Das neue Design des No. 3 Gin zeigt laut Mühlenbeck die Entwicklung der Marke, vor allem in den letzen Jahren: Modern und doch traditionell vereint in einer Flasche. Die Form und Höhe der Flasche reflektiere das Ansehen des No. 3 Gins, die sechs Seiten der Flasche spiegeln die sechs Botanicals wieder. „Botanicals sind übrigens die natürlichen Zutaten. Botanicals hört sich aber einfach cooler an.“

Mit dem neuem Design komme auch ein neues Markenkonzept daher: The Art of Perfection. Es solle dem Gin-Genießer den Gedankengang und Herstellungsprozess des No. 3 Gins näher bringen. Und das versucht auch Sascha Mühlenbeck, indem er den Wilstedterinnen ein kurzes Video über die Destillerie und den Herstellungsprozess zeigt - online gar kein Problem.

Und weil der Referent möchte, dass seine Zuhörerinnen nach dem Tasting wissen, wie Gin hergestellt wird, und was da drin ist, spickt er seinen Vortrag immer wieder mit viel Fachwissen. Der Bremer Experte hat sich perfekt auf sein Publikum eingestellt, betont mehrfach, dass er ja auch vom Land komme. Und seine Anekdoten sorgen für beste Unterhaltung. Die zweite Probe des Abends ist „Le Gin de Christian Druin“ aus Frankreich. Das Besondere bei diesem Gin ist, dass er auf der Basis von Calvados hergestellt wird.

Laut Sascha Mühlenbeck musste bei Gin noch vor wenigen Jahren der Wacholder durchschmecken. Und dabei geht es um diese Zutat: Die weiblichen Früchte des Wacholders sehen aus wie Beeren, sind aber keine, sondern Zapfen, deren fleischige Schuppen verwachsen sind. So entsteht der Eindruck, es handele sich um eine Beere.

Laut Sascha Mühlenbeck musste bei Gin noch vor wenigen Jahren der Wacholder durchschmecken. Und dabei geht es um diese Zutat: Die weiblichen Früchte des Wacholders sehen aus wie Beeren, sind aber keine, sondern Zapfen, deren fleischige Schuppen verwachsen sind. So entsteht der Eindruck, es handele sich um eine Beere.

Foto: picture alliance/dpa

„Für Gin wird immer mehrfach destillierter Alkohol verwendet, das ist die Basis. Und hier bilden eben Äpfel die Basis. Bis zu 30 Sorten werden verwendet, aus denen Cidre hergestellt wird. Und dieser Apfelwein wird dann destiliert, erst dann kommt Wacholder ins Spiel. Im Hauptjob produziert die Firma Calvados, aber eine kleine Charge Gin ist jedes Jahr auch dabei.“

Gin mit Äpfeln aus dem eigenen Garten

Die Verwendung von Calvados entwickelt sich seit einigen Jahren in Cocktailbars. Das hat Guillaume Drouin dazu gebracht, ein neues Universum sowie Geister - also Geschmäcker - zu entdecken, die er zuvor nur selten probiert hatte. Die Welt des Gin mit ihrer Komplexität und ihren nahezu unendlichen Möglichkeiten hat ihn inspiriert, mehr wissen zu wollen. Und auch hier gab es wieder ein kleines Video für die Landfrauen über das Unternehmen in Frankreich.

„Wie wird Gin hergestellt? Nach welchen Kriterien wird der Wert seiner Qualität festgelegt? Wie kann man ein Gleichgewicht in einem Geist schaffen, der aus so unterschiedlichen, manchmal sogar antagonistischen Aromen besteht? Und zu guter Letzt: Konnte er es schaffen, einen großartigen Gin zu produzieren, der auf den Äpfeln seiner Obstgärten basiert, einen Gin, auf den er stolz sein würde, mit seinem Namen zu unterschreiben? Solche Fragen hat sich Drouin gestellt, und für sein Unternehmen beantwortet.“

Der dritte Gin des Abends kommt für die Wilstedterinnen ganz aus der Nähe. Es ist „Skin Gin“ aus dem Alten Land. Dieser Dry Gin aus der Nähe von Hamburg ist inspiriert von einem Griechenland-Urlaub des Gründers Martin Jensen. Zurück im Alten Land bespricht er seine Idee mit dem Brennmeister Arndt Wessels von NORDIK, und gemeinsam gestalten die beiden das Rezept des einzigartigen „Skin Gin“, berichtet Sascha Mühlenbeck.

Minze und Zitrone

Die neun Botanicals des „Skin Gin“ werden in einem aufwändigen Verfahren jeweils einzeln destilliert und dann jedes Mal geblendet, um das immer gleiche, frische Geschmackserlebnis zu erschaffen. Im Mittelpunkt stehen hier ganz klar die Marrokanische Minze und die frischen Zitrusnoten. Ist es dadurch ein einzigartiger Gin? „Naja...“, sagt Mühlenbeck, „in diesem Fall gibt es so vielseitige Editionen des Gins wie wir sonst selten gesehen haben. Viele tolle Farben und Designs tummeln sich am Markt. Inhaltlich gibt es hier keinen Unterschied. Der Gin ist stets der gleiche, lecker sommerlicher Gin aus der norddeutschen Brennerei. Ihr könnt auswählen zwischen Black, White, Ladies Pink oder Reptile Brown Edition.“

Zwischendurch und am Ende gibt es immer wieder Fragen an Sascha Mühlenbeck. Zu den Botanicals, zur Herstellung, zu Fachbegriffen, zu den Destillerien. Und es wird auch mal abgeschweift zu Whisky und anderen Genussmitteln. Die Landfrauen aus Wilstedt und Umgebung erleben sichtbar einen informativen und gemütlichen Abend - es gibt viel Lob für Sascha Mühlenbeck. Nach zweieinhalb Stunden überlässt ihnen der Gin-Experte aus Bremen dann schließlich die Online-Plattform, damit die zufriedenen Teilnehmerinnen noch weiter klönen und den gelungenen Tasting-Abend ausklingen lassen können.

Bitte akzeptiere Marketing Cookies um dieses Video ansehen zu können.

Die Geschichte zu Tonic

Die Geschichte des Tonic Waters beginnt etwa im Jahre 1825: Die Engländer - von je her ein sehr besitzergreifendes Völkchen - schipperten mit ihren Holzschiffchen über die Weltmeere und steckten überall, wo nicht schnell genug Hallelujah gerufen wurde, ihre imperialistische Flagge in den Sand. So auch im indischen Raum, wo sich ihnen neben ihrem Suff noch ein weiteres Problemchen ergab. Malaria. Was für eine doofe Krankheit. Zur Linderung wurde ihnen von den Ärzten dann Chinin verschrieben. Ein herbes Pülverchen, das man noch eben zur besseren Verträglichkeit mit Soda und Zucker anreicherte und im späteren Verlauf auch mit Gin verlängerte. Gin enthielt schließlich Wacholder und der half nachweislich gegen Magen-Darm-Erkrankungen. Somit wurden 2 Moskitos... äh... Fliegen.. mit einer Klappe geschlagen und zufällig wurde der Gin Tonic erfunden! Thank’s a lot.

Der Chinarindenbaum

Chinin allerdings war den westlichen Kolonialmächten schon länger bekannt. Nämlich erkrankte 1638 die liebe Gattin des spanischen Vizekönigs „Condesa de Chinchón“ in Peru an Malaria. Die netten Inkas brachten ihr die heilende Medizin, gewonnen aus der Rinde eines Baumes, der nach der Genesung aus Dankbarkeit in Chinchona-Baum bzw. auf deutsch Chinin- oder Chinarindenbaum umbenannt wurde. Die Inka wurden von den undankbaren Spaniern dann aber doch platt gemacht.

Woher kommt Chinin?

Chinin war anfangs ausschließlich in Peru verfügbar. Die Nachfrage stieg ins Unermessliche und gipfelte darin, dass Chinin zwischenzeitlich in Gold aufgewogen wurde. Irgendwer klaute dann aber ein paar Samen des Baumes, verkaufte sie den Holländernund die errichteten riesige Plantagen in Indonesien. Pfiffig. Somit kontrollierten die orangenen Jungs den Markt zu 95% fast bis zum zweiten Weltkrieg. Großartiger Schachzug also.

Heute wird Chinin allerdings überwiegend synthetisch hergestellt. Wobei mit dem Gin-Boom der letzten Jahre auch die Nachfrage nach echtem Chinin wieder steigt. (Sascha Mühlenbeck)

Kreis Icon Seepferdchen
Über den Autor
nach Oben