Auch als Akkordeonspieler war Ulli Torspecken früher oft im Einsatz. Gerne gibt er auch mal ein Ständchen im Altenheim zum Besten, die Senioren sind immer sehr dankbar.

Auch als Akkordeonspieler war Ulli Torspecken früher oft im Einsatz. Gerne gibt er auch mal ein Ständchen im Altenheim zum Besten, die Senioren sind immer sehr dankbar.

Foto: Torspecken

Auch als Akkordeonspieler war Ulli Torspecken früher oft im Einsatz. Gerne gibt er auch mal ein Ständchen im Altenheim zum Besten, die Senioren sind immer sehr dankbar.

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Berufsmusiker Ulli Torspecken und sein harter Kampf ums Überleben

Corona-Dauer-Lockdown und kein Ende in Sicht: Viele Berufsgruppen, darunter vor allem Gastronomen und Hoteliers, aber auch Künstler und Musiker, oder Frisöre und Kosmetikerinnen müssen seit Monaten nahezu ohne Einnahmen auskommen, mal abgesehen von den staatlichen Hilfen, die jedoch eher schleppend und unvollständig fließen und oft mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden sind. Aber nicht nur das: Faktisch besteht für viele kreative Berufe seit dem Corona-Lockdown, aber auch schon früher, eine Art Berufsverbot. Wie geht man mit dieser völlig neuen Situation um?

Kreis-Icon-Nordstern

Einer der Künstler, die von dem Lockdown besonders stark betroffen sind, ist der Rhadereistedter Berufsmusiker, Barpianist und Alleinunterhalter Ulli Torspecken. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen, in dem er uns freimütig seine Situation schilderte. Aber nicht nur das: Ulli Torspecken ist auch ein optimistischer Mensch, der sich nicht unterkriegen lässt, wie dabei deutlich wurde. So hat er bereits neue Projekte in Arbeit. Er glaubt allerdings wie viele seiner Berufskollegen nicht, dass es nach Corona wieder so wird wie davor.

Ulli Torspecken hatte vor Corona gut zu tun

Vor Corona war Ulli Torspecken ein überaus gefragter und gern gebuchter Pianist und Alleinunterhalter, der gut von seiner Musik leben konnte. Bei vielen Festivitäten, wie Empfängen, Jubiläen, aber auch Hochzeiten und als Pianist in renommierten Hotels wie dem „Wachtelhof“ in Rotenburg war er engagiert und damit in Lohn und Brot. Die Zahl seiner Auftritte reichte gut, um das Familieneinkommen zu bestreiten. Zumal auch seine Frau noch berufstätig war und ist, nämlich als selbstständige Feldenkrais-Therapeutin. Und dann kam der Hammer, und das gleich in doppelter Hinsicht: Auftrittsverbot, Veranstaltungen abgesagt für ihn, und auch seine Frau durfte nicht mehr am und mit den Patienten arbeiten. Über Nacht stand das Ehepaar also quasi vor dem Nichts.

Das war wie ein Stich mit dem Messer. Dann sagten sie die ersten zwei Termine ab, dann sagten sie die nächsten vier Termine ab, und so weiter, bis von meinem zuvor schönen vollen Kalender nichts mehr übrig war. Da war wirklich klar, jetzt wird’s böse.
Ulli Torspecken über die vielen Absagen im Corona-Frühjahr 2020

„Ich glaube, ich bin der einzige hier, der von Livemusik lebt“, sagt Ulli Torspecken im Gespräch. Auf jeden Fall kenne er sonst niemanden. Es gäbe zwar viele, die spielten, aber die hätten noch einen anderen Job, oder gäben Unterricht, oder sie seien bei einer Musikschule angestellt. „Das heißt nicht, dass es denen gut geht, aber es ist schon ein Unterschied.“ Er selbst lebe seit über 30 Jahren ausschließlich von Live-Auftritten. Nur ganz selten gebe er Unterricht, dann meist für Erwachsene, die sagen: „Ich hab ne klassische Klavierausbildung, ich möchte mal improvisieren, mal Jazz machen. Dann geb ich denen drei, vier Stunden und schick die wieder ins Leben.“ Er selbst unterrichte nicht so gerne, was er jedoch schön finde, sei, „Erwachsenen auf die Sprünge zu helfen.“

Wirtschaftlicher Totalschaden

Und er lenkt zu einem anderen Thema über: „Was ich im Moment ziemlich doof finde, wenn ich die Zeitung aufschlage oder im Netz lese: Der und der Promi hat gesagt, er konnte während der Corona-Krise ziemlich runterfahren“. Und wie toll das alles sei. Das habe er öfter gelesen und denke dann: „Mit dem Bankkonto kein Problem. Mir persönlich geht es jetzt sehr, sehr gut. Ging’s mir aber auch vorher schon“, so Ulli Torspecken. Und er sei sehr optimistisch, aber er stecke mitten in einem wirtschaftlichen Totalschaden. „Und diese beiden Welten, die gibt`s“, stellt er fest. Er wolle hier nicht erscheinen als jemand, „der um ne warme Mahlzeit bettelt“, aber er wolle auch rüberbringen: „Ej, pack’s an. Da ist viel Potenzial, das muss man angucken: Wie kommt man jetzt da raus?“

Er habe auch festgestellt, „es gibt jetzt nicht die Szene, es gibt jetzt nicht die Musiker, die Künstler. Sondern das sind eine Million Leute oder so, die man aber nicht in eine Kiste packen kann.“ Im Übrigen, so Torspecken, habe er „was Anständiges gelernt“. Er sei gelernter Industriekaufmann und habe etwa bis zu seinem 27. Lebensjahr im Büro gesessen. „Und das auch gut und gerne und auch sehr erfolgreich.“ Er habe aber immer nebenbei hobbymäßig Musik gemacht. „Und dann wurden beide Welten intensiver, im Job ging es nicht mehr mit acht Stunden, aber auch die Musik wurde intensiver, sodass ich fast jedes Wochenende gespielt habe.“

„Dann musste ich mich irgendwann entscheiden, und zum Schrecken meiner Umwelt hab ich dann die unsichere Variante genommen, was ich nie bereut hab, und das war dann Ende der 80er Jahre die Hochzeit des Alleinunterhalters.“

Ziel: die schwarze Null

Damals habe man noch mit der Hand Musik gemacht. Kleine Bands spielten zum Tanz. „Man konnte in kein Autohaus gehen am Samstag, wo nicht irgendeine Band den neuen Golf vorstellte oder so“, schmunzelt der 63-Jährige. „Wer Livemusik hören wollte, musste Musiker gucken. In der Zeit bin ich Profi geworden, und das hat sich auch richtig gelohnt.“

Er habe damals den Job gewechselt „mit dem Ziel der schwarzen Null“ und sich gesagt: „Wenn ich davon leben kann, dann hab ich schon viel erreicht“. Sein Motto sei immer gewesen: „Wenn ich dafür lebe, dann kann ich auch davon leben“. Das habe auch immer hingehauen, aber er sei das Ganze auch von Anfang an „ziemlich seriös angegangen“, mit Krankenversicherung und Steuerkarte. Er musste oder durfte sich jedoch auch über 30 Jahre „mehrfach neu erfinden, als Künstler, Musiker und als musikalischer Dienstleister. Ich war nie ein Star in dem Sinne“, stellt er heraus. Andererseits: „Man kannte mich. Schon in meiner Heimatstadt Solingen, und man kennt mich auch hier“. Seit 1999 lebt er in der hiesigen Region, erst in Zeven und dann in Rhadereistedt.

MP3-Downloads taten dem Gewerbe weh

Der erste echte Schlag für sein Gewerbe, insbesondere für die DJs, die vorher mit Vinylscheiben loszogen, seien die MP3-Downloads gewesen. Seine Domäne sei dann innerhalb weniger Jahre komplett weggebrochen. Doch das habe er ganz gut überstanden, sei dann in den letzten 20 Jahren von dem Alleinunterhalter weg und vor allem als Barpianist tätig geworden, was auch sehr gut angekommen sei. Er nennt als Beleg erste Hotel-Adressen wie den „Wachtelhof“ in Rotenburg, in dem er vor Corona regelmäßig aufgetreten ist. „Das kann ich auch, das ist sehr gefühlsorientiert. Das hab ich sehr intensiv gemacht, das ist, glaub ich, eine gute Mischung aus ,schon was Können‘, aber eben nicht streng nach Noten irgendwas abspielen, sondern wirklich auch Gefühl aufnehmen. Als Profi-Barpianist muss man fünf Stunden auswendig spielen können, ohne Wiederholung“, erläutert Torspecken.

Das Jahr 2020 habe wirtschaftlich bei ihm auch sehr vielversprechend ausgesehen. „Zum ersten Mal in über zehn Jahren hatte ich im Kalender eine Buchungsfrequenz bis in den Oktober, sehr beruhigend .“ Darunter waren alleine 25 Jobs von einer Flusskreuzfahrtgesellschaft. Eine Woche vor dem Start dieser Veranstaltungsphase kam jedoch die erste Corona-Phase. „Das war wie ein Stich mit dem Messer. Dann sagten sie die ersten zwei Termine ab, dann sagten sie die nächsten vier Termine ab, und so weiter, bis von meinem zuvor schönen vollen Kalender nichts mehr übrig war“, schildert der Tonkünstler. „Da war wirklich klar, jetzt wird’s böse.“

In der Phase, so Torspecken, hätten seine Frau und er noch gedacht: „Man muss da irgendwie durch. Wir müssen das überstehen.“ Mittlerweile jedoch dauere dieser Zustand so lange an, „dass es nicht darum geht, zu sagen, wir knüpfen jetzt irgendwann wieder an das an, was vorher war, wenn das vorbei ist. Sondern: Das wird nicht mehr so.“ Die komplette Kunst-, Kultur- und Musikszene werde nach Corona anders sein, da ist sich Ulli Torspecken ziemlich sicher.

Viel zu bürokratisch

Zum Thema staatliche Hilfen für Künstler in der Pandemie-Situation hat Ulli Torspecken eine klare Meinung: „Es war gut, dass wir sie hatten“, sagt er. Erst sei es sehr vollmundig losgegangen mit Versprechungen wie: „Wir lassen keinen im Regen stehen“. Sehr schnell habe sich jedoch herausgestellt, dass der „Teufel im Detail“ lag. Viel zu bürokratisch sei das Ganze abgelaufen, kritisiert er. Und auch die Auszahlung der Hilfen verzögere sich.

Und wie soll es nun weitergehen? Mittlerweile, so Torspecken, habe er sich als Musiker bei Beerdigungen und Trauerfeiern etabliert und einen Namen gemacht. Das klappe ganz gut, immer möchte er es aber auch nicht machen. Auch für ein (Geburtstags-)Ständchen via Internet/Zoom oder Skype kann man ihn buchen, was ebenfalls gerne angenommen wird. Man muss sich eben was einfallen lassen und nicht den Kopf in den Sand stecken, lautet seine Devise.

Vor dem Corona-Lockdown war Ulli Torspecken ein gefragter Bar-Pianist.

Vor dem Corona-Lockdown war Ulli Torspecken ein gefragter Bar-Pianist.

Foto: Torspecken

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