Oleksandr Shyryayev, seine Frau Jessica De Fanti Teoli und Sohn Nikolai (1) haben sich ein Leben in Bremerhaven aufgebaut. Doch es gibt Probleme bei der Anerkennung zur deutschen Staatsbürgerschaft.

Oleksandr Shyryayev, seine Frau Jessica De Fanti Teoli und Sohn Nikolai (1) haben sich ein Leben in Bremerhaven aufgebaut. Doch es gibt Probleme bei der Anerkennung zur deutschen Staatsbürgerschaft.

Foto: Arnd Hartmann

Oleksandr Shyryayev, seine Frau Jessica De Fanti Teoli und Sohn Nikolai (1) haben sich ein Leben in Bremerhaven aufgebaut. Doch es gibt Probleme bei der Anerkennung zur deutschen Staatsbürgerschaft.

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Tänzer Shyryayev – muss er noch einmal zurück ins ukrainische Krisengebiet?

„Ich werde nicht in ein Kriegsgebiet reisen und mich in Gefahr begeben.“ Das steht für Oleksandr Shyryayev fest. Der ukrainische Tänzer, der von 2012 bis 2019 im Ballett des Stadttheaters viele Erfolge gefeiert hat, erfüllt alle Voraussetzungen, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Nur setzen die ukrainischen Behörden seiner Ausbürgerung erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Sie möchten, dass er zur Abmeldung ins umkämpfte Gebiet seiner Heimatstadt Donezk reist. Auch das Bremerhavener Bürger- und Ordnungsamt hält dies für vertretbar. Der Familienvater hat den Magistrat um unbürokratische Hilfe gebeten – vergebens.

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Shyryayev hat schon Anfang 2019 die Einbürgerungszusicherung vom Bremerhavener Magistrat erhalten. Sie gilt bis 27. Februar 2021 – für den Fall, dass er den Verlust der ukrainischen Staatsangehörigkeit nachweist. Doch die Hürden dafür sind erheblich. „Ich habe mehrmals beim ukrainischen Generalkonsulat in Hamburg vorgesprochen“, erzählt der 35-jährige Tänzer.

Er stammt aus Donezk, der im Frühjahr 2014 von Russen besetzten Stadt in der Ost-Ukraine. In diesem Gebiet finden trotz des Minsker Waffenstillstandsabkommens von 2015 täglich bis zu tausend Kampfhandlungen statt. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International weisen darauf hin, dass auch die von der Ukraine kontrollierten Gebiete keineswegs sicher sind. Das Auswärtige Amt warnt seit langem vor Reisen in die Region. „Genau dorthin soll ich nach dem Willen des staatlichen Migrationsdienstes der Ukraine zurückkehren“, berichtet Shyryayev.

Hier habe ich meine Frau geheiratet, hier wurde vor anderthalb Jahren unser Sohn Nikolai geboren.
Oleksandr Shyryayev

Er zeigt den Brief, in dem ihm dies vom Generalkonsulat mitgeteilt wird. Darin heißt es, „dass Antragsteller, deren Wohnsitz sich gegenwärtig in dem Gebiet der Anti-Terror-Operation befindet, sich an einer neuen Adresse in dem Teil des Gebietes Donezk anzumelden haben, der von der Anti-Terror-Operation nicht betroffen ist“. Das bedeutet: Der Tänzer müsste in das gefährdete, verkehrstechnisch nicht einfach zu erreichende Gebiet reisen, sich dort pro forma einen Wohnsitz suchen, dann abmelden und seinen Pass abgeben. Und dies in Zeiten des Corona-Virus, das auch die Ukraine vor erhebliche Probleme stellt.

Der Künstler, der in Sergei Vanaevs Compagnie den Prinzen Siegfried in „Schwanensee“, den Mercutio in „Romeo und Julia“, den Wolf in den „drei kleinen Schweinchen“ und viele andere Rollen getanzt hat, ist längst in Deutschland heimisch. „Seit acht Jahren zahle ich hier meine Steuern und Sozialabgaben“, bemerkt er. „Hier habe ich meine Frau geheiratet, hier wurde vor anderthalb Jahren unser Sohn Nikolai geboren.“ Mit seiner Frau Jessica De Fanti Teoli, die wie er viele Jahre am Stadttheater getanzt hat, war Shyryayev bis zum Beginn der Pandemie als Tanzlehrer tätig, derzeit arbeitet er für einen Sicherheitsdienst.

Ein Verfahren, das „aufwändig“ aber „zumutbar“ ist?

„Seit 2014 war ich nicht mehr in meiner Geburtsstadt“, erzählt Shyryayev. Mit seiner kranken Mutter, seiner Oma und seinen Brüdern halte er per Internet Kontakt: „Sie alle raten mir dringend ab, zu ihnen zu reisen. Auch weil in der Region rechtsradikale Banden die Bevölkerung terrorisieren.“ Um so mehr wundert es ihn, dass die Staatsangehörigkeitsbehörde des Bürger- und Ordnungsamt Bremerhaven ihm beschied: „Ein entsprechendes Verfahren ist aufwändig, aber grundsätzlich zumutbar.“ Die Behörde behauptet sogar, es habe „in vergleichbaren Fällen zum Erfolg geführt“.

Der Tänzer hat immer wieder versucht, die Behörden von der Gefährlichkeit dieses Ansinnens zu überzeugen, verweist auch ein bereits 2014 ergangenes Urteil des Verwaltungsgerichts Aachen, das im Fall der Ukraine eine „Hinnahme der Mehrstaatlichkeit“ verfügt hat. Zuletzt hat er sich an den Magistrat um Hilfe gewandt. Eine Antwort gab es erst nach mehrfachen Nachfragen der NORD|ERLESEN. Pressesprecher Volker Heigenmooser beschied knapp: „Der Magistrat hat in dem Fall keine Zuständigkeit und insofern auch keine Möglichkeit, helfend einzugreifen.“

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