Profifußballer André Hahn ist ein Familienmensch. Der Otterndorfer wird demnächst zum zweiten Mal Vater.

Profifußballer André Hahn ist ein Familienmensch. Der Otterndorfer wird demnächst zum zweiten Mal Vater.

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Profifußballer André Hahn ist ein Familienmensch. Der Otterndorfer wird demnächst zum zweiten Mal Vater.

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„Ich glaube, dass der Fußball vielen Menschen Freude und Mut bringt“

André Hahn hat’s geschafft: In der Jugend kickte er noch auf den Dorfplätzen in der Region für Rot-Weiss Cuxhaven und den FC Bremerhaven. Heute steht der 29-jährige gebürtige Otterndorfer beim FC Augsburg unter Vertrag. Kurz vor dem Neustart der Fußball-Bundesliga hat sich der Angreifer an der Sehne verletzt. Jetzt arbeitet er hart an seiner Rückkehr. Im Interview mit Jens-Christian Mangels erzählt der Profi-Kicker, der in wenigen Wochen zum zweiten Mal Vater wird, unter anderem, wie sein Reha-Alltag aussieht und wie er die Corona-Zwangspause erlebt hat.

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Herr Hahn, Sie haben sich noch vor dem Neustart der Fußball-Bundesliga eine Sehnenverletzung zugezogen. Wie geht es Ihnen? Danke, mir geht es gut. Die Verletzung kam natürlich zu einem wirklich ungünstigen Zeitpunkt. Ich war so froh, dass es endlich wieder losgeht – und dann das. Das ist natürlich sehr unglücklich für mich. Ich bin aber auf einem guten Weg und habe das große Ziel, in dieser Saison noch auf dem Platz zu stehen.

Wie ist es zu der Verletzung gekommen? Das ist im Training passiert. Man muss sich das wie einen Muskelfaserriss vorstellen: Die Patellasehne, unterhalb der Kniescheibe, ist etwas lädiert. Es war ein stechender Schmerz und ich habe recht schnell gemerkt, dass das nicht ganz normal ist.

Hat Ihnen wegen der Corona-Zwangspause die Spiel-Fitness gefehlt? Nein, das würde ich nicht sagen. Ich habe schon seit einigen Monaten leichte Probleme mit der Sehne. Bislang war das auszuhalten. Aber nun hat die Sehne gesagt: Jetzt reicht’s.

Sind Sie optimistisch, noch vor dem Saisonende in die Mannschaft zurückzukehren? Ja, das ist mein großes Ziel. Die Ärzte geben vorsichtige Prognosen ab. Aber ich liege sehr gut im Zeitplan, es läuft besser als gedacht. Deshalb werde ich vermutlich in den nächsten ein, zwei Wochen zur Mannschaft stoßen und das aufholen, was ich in den vergangenen Wochen verpasst habe.

Statt auf dem Rasen arbeiten Sie in der Reha. Wie muss man sich Ihren Alltag momentan vorstellen? Mein Alltag besteht darin, dass ich morgens ins Stadion fahre. Dort bekomme ich Behandlungen für mein Knie. Dabei geht es auch um die Ursachen, die überhaupt zur Verletzung geführt haben. Dann geht es in den Kraftraum: Reha-Training, Muskulaturaufbau, Sehnenstärkung – alles, was dazugehört. Nach einer Pause steht eine weitere Behandlung auf dem Programm, dann wieder Training.

Als verletzter Spieler ist man immer deutlich länger im Stadion als die gesunden Kollegen. Viele Leute denken ja: Der Hahn ist verletzt, der hat’s gut. Der legt sich schön zu Hause hin, hat frei. Nein, verletzt zu sein, ist eine Katastrophe. Man ist den ganzen Tag nur darauf bedacht, schnellstmöglich wieder fit zu werden. Der Körper ist nun einmal unser Kapital. Die Mannschaft, der Trainer, der Verein und man selbst – alle wollen, dass man schnell wieder auf dem Platz steht. Und dafür muss man eine Menge tun, das unterschätzen viele.

Dies ist ja nicht die erste Verletzung in Ihrer Bundesliga-Karriere. Wie gehen Sie mit solchen Rückschlägen um? Sind Sie jemand, der verzweifelt, oder eher ein Kämpfertyp? Eindeutig der Kämpfertyp. Natürlich ist man im ersten Moment „down“. Aber ich habe relativ schnell den Kopf wieder hochbekommen und habe mir gesagt: Nein, ein frühzeitiges Saisonende kommt für mich nicht infrage, ich werde vorher wieder fit.

Blicken wir jetzt auf die Zeit vor Ihrer Verletzung: Wie haben Sie die Corona-Zwangspause erlebt? Mir ging es wahrscheinlich wie vielen anderen Menschen in Deutschland auch: Meine Familie und ich mussten mit vielen Einschränkungen leben. Ich bin laufen gegangen an der frischen Luft, habe meine Kraftübungen gemacht. Wir hatten einen Laufplan bekommen, mit Pulsuhr und Pulsgurt. Die Ergebnisse mussten wir hochladen, damit der Fitnesstrainer nachbessern konnte. Etwas später konnten wir dann in kleinen Gruppen trainieren, haben unsere Stadionrunden gemacht.

Es war natürlich keine einfache Zeit und eine Riesenumstellung, gerade wenn man ein vierjähriges Kind zu Hause hat. Vor allem für meine Frau war das nicht leicht, sie ist hochschwanger. Ich war viel unterwegs, musste trainieren. Also hat sie sich um unseren Sohn gekümmert, der immer viel Power und Action braucht. Das ist natürlich nicht so leicht. Aber insgesamt haben wir die Zeit gut rumbekommen und freuen uns jetzt, wenn die ersten Lockerungen kommen.

Ist Ihr vierjähriger Sohn auch schon im Fußballfieber? Jetzt hätte ich fast gesagt: Leider schon. Er ist häufig bei den Heimspielen dabei und kommt sogar manchmal zu den Auswärtsspielen mit. Er ist total fußballbegeistert. Wenn ich müde nach Hause komme, steht er mit dem Ball in der Tür und will mit mir Fußball spielen. Da fehlt mir manchmal etwas die Lust…

Noch mal zurück zur Corona-Pandemie. Haben Sie Sorge, sich anzustecken? Oder blendet man diese Angst aus? Natürlich macht man sich Gedanken. Bei uns in der Familie gibt es Risikogruppen, deshalb ist schon eine gewisse Sorge da, Vorsicht und Respekt. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir uns komplett einschließen.

Werden Sie regelmäßig getestet? Ja, wir werden regelmäßig getestet. Ich glaube, ich habe mittlerweile schon den achten Test hinter mir.

Das Hygienekonzept der Deutschen Fußball-Liga sieht vor, dass sich nach Möglichkeit auch die Familien der Spieler freiwillig testen lassen. Haben Sie das zu Hause diskutiert? Ja, meine Frau hat auch schon einen Test hinter sich. Bei unserem Kind führen wir genau Buch, mit wem er sich trifft, wann er sich trifft, mit allen Adressen und Namen. Da haben wir strikte Auflagen. Aber ich find’s gut, denn nur so kann die Bundesliga weitergehen.

Während des Bundesliga-Alltags gelten strenge Abstandsregeln. Wie schwer ist es, sie in der Praxis umzusetzen – in einem Sport, bei dem Abklatschen und Umarmen normalerweise an der Tagesordnung sind? Im Trainingsalltag ist das gar nicht schwer. Aber auf dem Platz ist das etwas anderes. Da geht es um Glücksgefühle und Emotionen. Da ich noch nicht gespielt habe nach dem Neustart, habe ich es selbst noch nicht erlebt, aber ich stelle es mir sehr schwierig vor.

Haben Sie in Ihrer Laufbahn eigentlich schon mal ein Geisterspiel erlebt? Nein, noch nicht.

Ein Bundesliga-Spiel ohne Fans im Stadion, ist das nicht ziemlich merkwürdig? Natürlich fehlen die Fans. Sie sorgen für Emotionen, für Stimmung und Atmosphäre, gerade in Deutschland, wo die Stadien fast immer ausverkauft sind. Gerade in schwierigen Phasen schaffen es die Fans, einen nach vorne zu peitschen. Denken Sie an das Spiel gegen Wolfsburg (Anmerkung der Redaktion: Augsburg verlor die Partie am 16. Mai mit 1:2): Ich bin fest davon überzeugt, mit den Fans im Rücken wäre das Spiel anders ausgegangen.

Der Profifußball steht in der Öffentlichkeit gerade stark in der Kritik. Das runde Leder rollt wieder, während Kitas und Schulen noch geschlossen sind. Können Sie diese Kritik nachvollziehen? Selbstverständlich verstehe ich die Leute, die Kritik äußern. Ich merke das doch selbst: Uns fehlt der Kindergarten auch, das ist eine Belastung für Menschen, die berufstätig sind. Auf der anderen Seite hängen am Fußball-Geschäft 56.000 Arbeitsplätze. Was ich persönlich schade finde, dass viele Leute nur uns Spieler auf dem Platz sehen und sagen, die verdienen ja ganz gut, warum dürfen die spielen. Dass da viele Arbeitsplätze dranhängen, von der Putzfrau bis zum Geschäftsstellenangestellten, das verstehen einige Menschen nicht. Viele wissen einfach nicht, was hinter dem Konstrukt Erste und Zweite Fußball-Bundesliga steckt. Wir sind nur die Hauptakteure, die man sieht. Außerdem: Wenn man sieht, dass Fußball Millionen von Menschen in dieser schweren Zeit begeistert, dann finde ich es gar nicht so schlecht, dass der Ball wieder rollt. Ich glaube, dass der Fußball vielen Menschen wieder Freude, Mut und Hoffnung in ihre Wohnzimmer bringt.

Ihre Mannschaft steht aktuell auf Platz 12. Sehen Sie noch Luft nach oben? Ja. Wir haben jetzt noch einige extrem wichtige Spiele vor uns. Wir spielen gegen Düsseldorf, gegen Köln und Mainz, da müssen wir unbedingt noch einige Punkte einfahren, um dem Abstiegskampf frühzeitig zu entkommen. Es werden also noch harte und anstrengende Wochen, die auf uns zukommen.

Wie sieht Ihr persönliches Saisonziel aus? Wo wollen Sie am Ende stehen? Auf dem Platz (lacht). Ich möchte einfach wieder spielen, das ist mein persönliches Saisonziel. Und natürlich mit der Mannschaft so früh wie möglich den Klassenerhalt fix machen.

Im August werden Sie 30 Jahre alt… Oh ja…

Machen Sie sich schon Gedanken, wie es nach dem Abenteuer Profi-Fußball mit Ihnen weitergeht? Natürlich macht man sich Gedanken über die Zukunft. Es ist wichtig, sich rechtzeitig darum zu kümmern. Ich habe auch schon ein, zwei Ideen, wo es hingehen könnte, aber noch nichts Konkretes. Mein Ziel ist es schon, noch bis 35, 36 Fußball zu spielen – toi, toi, toi, wenn mein Körper das mitmacht. Ich hatte bisher glücklicherweise nur eine schwere Verletzung, für die ich auch nichts konnte (Anmerkung der Redaktion: 2015 bei Mönchengladbach, nach einem rüden Foul eines Schalker Spielers). Mein Körper ist noch ganz gut im Schuss, deshalb hoffe ich, dass ich noch ein paar Jährchen vor mir habe. Mein Vertrag in Augsburg läuft in zwei Jahren aus, da macht man sich natürlich Gedanken: Bekommt man etwas Neues? Verlängert Augsburg?

Sie gelten als bodenständig und heimatverbunden. Fällt es Ihnen schwer, Ihre Familie in Otterndorf in der Corona-Krise nicht zu sehen? Das ist natürlich nicht leicht. Ich war schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr in Otterndorf, das war wegen Corona leider nicht möglich. Aber ich werde natürlich bei nächster Gelegenheit mal wieder an der Medem vorbeischauen. Versprochen.

Zur Person

  • André Hahn ist in Otterndorf aufgewachsen und spielte in seiner Jugend beim TSV Otterndorf. Er stammt aus einer sportlichen Familie: Sein Großvater Franz-Hermann Hahn war Bundestrainer der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Sein Vater Andreas spielte Handball beim TSV. Sein sportlicher Weg führte André Hahn über Rot-Weiss Cuxhaven und den FC Bremerhaven 2008 zum Hamburger SV. Dort spielte er in der A-Junioren-Bundesliga und in der Regionalliga für die zweite Mannschaft des HSV. Nach Stationen beim FC Oberneuland, in Koblenz und Offenbach wechselte Hahn in der Saison 2012/13 zum Bundesligisten FC Augsburg.
  • Sein Debüt in der Bundesliga feierte Hahn am 20. Januar 2013 beim 3:2-Erfolg gegen Fortuna Düsseldorf. In der Saison 2013/14 schaffte er den endgültigen Durchbruch in der Bundesliga und avancierte zum Leistungsträger beim FC Augsburg. Für seine starken Leistungen wurde Hahn mit einer Nominierung für die Nationalmannschaft durch Bundestrainer Joachim Löw belohnt. Am 13. Mai 2014 absolvierte er sein erstes (und bislang einziges) Länderspiel.
  • Von 2014 bis 2017 spielte André Hahn bei Borussia Mönchengladbach, zur Saison 2017/18 kehrte er zum Hamburger SV zurück. Seit 2018 kickt der Otterndorfer wieder für den FC Augsburg.
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