Holger-Philipp Bergt zeigt seine historische Karstadt-Sammlung.

Holger-Philipp Bergt zeigt seine historische Karstadt-Sammlung.

Foto: Lothar Scheschonka

Holger-Philipp Bergt zeigt seine historische Karstadt-Sammlung.

Leute

Karstadt-Fan nimmt Abschied

Irgendwie hatte Holger-Philipp Bergt wohl schon eine Ahnung. Am letzten Verkaufstag vor dem Lockdown kam er nach Bremerhaven. Sah die Karstadt-Verkäuferinnen, die mit einem Massenandrang von Schnäppchenjägern zu tun hatten. Spontan kaufte der 55-Jährige 30 Rosen und verteilte sie an die teils zu Tränen gerührten Mitarbeiterinnen. Es wird wohl ein Abschied für immer sein. Karstadt Bremerhaven ist Geschichte – für den leidenschaftlichen Sammler ein Grund mehr, diese in Ehren zu halten.

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„Es hat mich wirklich traurig gemacht, dass Karstadt in Bremerhaven schließt. Und der letzte Tag im Dezember, das war eine Stimmung wie bei einer Beerdigung“, erinnert sich der gebürtige Bremer.

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Seit mehr als 30 Jahren sammelt der Schiffskaufmann alles, was mit Karstadt zu tun hat. Eigentlich hatten ihn nur die Häuser interessiert: „Ich wollte Architektur studieren und die Diplomarbeit über Karstadt-Bauten des Chefarchitekten Philipp Schaefer schreiben.“

Doch dazu kam es nicht. Der damals 24-Jährige blieb seiner Branche treu, arbeitete lange bei der Reederei Sloman Neptun und ist heute Leiter der Logistik beim internationalen Handelshaus Melchers in Bremen.

Das Hobby „Karstadt“ hat ihm zum Deutschland-Kenner gemacht. Er hat sämtliche Filialen besucht, fotografiert, Kontakte geknüpft, auf Flohmärkten gestöbert und das Internet durchforstet.

Das Karstadt-Gebäude

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Holger-Philipp Bergt hat drei Aufnahme von Karstadt auf einem Flohmarkt erworben...
Holger-Philipp Bergt hat drei Aufnahme von Karstadt auf einem Flohmarkt erworben: Für ihn drei besondere Aufnahme, weil sie die wechselvolle Geschichte des Hauses dokumentieren:
Die erste Aufnahme zeigt das Warenhaus um 1938/1939 in voller Pracht.

© Lothar Scheschonka

Die zweite das ausgebrannte Gerippe nach 1946/47.
Die zweite das ausgebrannte Gerippe nach 1946/47.

© Lothar Scheschonka

Die dritte muss nach der Wiedereröffnung entstanden sein, 1951, schätzt der Kars...
Die dritte muss nach der Wiedereröffnung entstanden sein, 1951, schätzt der Karstadt-Fan

© Holger-Philipp Bergt

Sammlerstücke für eine ganze Ausstellung

Neben 105 Ordnern mit Fotos, Prospekten und Chroniken gibt es in der Mega-Sammlung auch viele Stücke, die den Betrachter den Zeitgeist vergangener Jahre nachspüren lässt: Colorierte „Familienmagazine“ aus den 1930er Jahren, eine Rollbildkamera einer Karstadt-Eigenmarke, versilberte Zuckerdöschen aus dem Karstadt-Restaurant und nüchtern-modern designte Biertulpen aus den 70er Jahren. Die schönsten Stücke sind in einer Vitrine ausgestellt, das Besteck in der Küchenschublade im Gebrauch und vieles in Kartons verpackt. Denn oft gehen die Stücke auf die Reise: 15 Ausstellungen hat Bergt bestückt, vor 22 Jahren auch einmal in Bremerhaven ausgestellt.

Seine Sammelleidenschaft hat den Bremer selbst zu einer kleinen Berühmtheit gemacht: „Mr. Karstadt“ nennen ihn viele Medien, auch die NORDSEE-ZEITUNG hat ihn 2016 einmal vorgestellt.

Holger-Philipp Bergt ist auch gern Karstadt-Kunde gewesen: „Wir haben auch gerne dort eingekauft, schon meine Familie. Karstadt stand für Qualität.“ Ob Bremen oder Ruhrpott: „Nach Karstadt gehen“ sei ein Synonym für den Bummel in der Innenstadt gewesen.

Karstadt-Fan aus Bremen zeigt Schätzchen

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Dieser alte Kleiderbügel liegt sonst in einer Vitrine. Eine über 90-Jährige Frau...
Dieser alte Kleiderbügel liegt sonst in einer Vitrine. Eine über 90-Jährige Frau aus Geestemünde hat ihn Holger-Philipp Bergt geschenkt.

© Lothar Scheschonka

Bergts Schätze: "Noch bis vor kurzem unsere notleidenste Filiale": In einem Kars...
Bergts Schätze: "Noch bis vor kurzem unsere notleidenste Filiale": In einem Karstadt-Magazin wird über die glanzvolle Wiedereröffnung 1950 berichtet.

© Lothar Scheschonka

Eisschalen aus dem Restauarant, Pins, eine alte Kamera einer Karstadt-Eigenmarke...
Eisschalen aus dem Restauarant, Pins, eine alte Kamera einer Karstadt-Eigenmarke und sogar eine Zuckerdose aus echtem Silber.

© Lothar Scheschonka

Schön seien sie ja nicht, findet Holger-Philipp Bergt, aber Karstadt Bremerhaven...
Schön seien sie ja nicht, findet Holger-Philipp Bergt, aber Karstadt Bremerhaven hatte eigene Gläser.

© Lothar Scheschonka

Holger-Philipp Bergt zeigt uns seine historische Karstadt-Sammlung.
Holger-Philipp Bergt zeigt uns seine historische Karstadt-Sammlung.

© Lothar Scheschonka

Sehnsucht nach Strand und Seefahrt - das haben sich schon die Werber schon im he...
Sehnsucht nach Strand und Seefahrt - das haben sich schon die Werber schon im heute historischen Karstadt-Magazin zu Nutze gemacht.

© Lothar Scheschonka

Zum 70. Geburtstag segelte ein namenloses weißer Segler auf dem Plakat von Karst...
Zum 70. Geburtstag segelte ein namenloses weißer Segler auf dem Plakat von Karstadt Bremerhaven.

© Holger-Philipp Bergt

Verbindung nach Bremerhaven

Anlässlich der Schließung hat der Sammler seine Lieblingsstücke aus der Seestadt ausgepackt: Drei Bilder, die markante Jahre des alten Karstadt-Hauses Ecke Mittelstraße zeigen, ein 90 Jahre alter Werbeprospekt von 1931, für einst zehn Mark auf dem Flohmarkt erworben, und ein lackierter Holzkleiderbügel, den ihm eine über 90-jährige Frau aus Geestemünde vermacht hat.

Zu Bremerhaven und somit auch zum Karstadthaus der Seestadt hat er eine besondere Beziehung. Elf Jahre lang hatte er einen Partner aus Bremerhaven, und auch heute noch Kontakt zur Familie. „Ich mag Bremerhaven sehr und werde auch ohne Karstadt herkommen“, sagt Bergt.

Kann der Karstadt-Kenner die Frage beantworten, warum die Schließung von Karstadt so emotional betrachtet wird? Der Verlust von Arbeitsplätzen wird auch anderswo bedauert, doch bei Karstadt scheint die Wirkung größer.

Zum 70. Geburtstag segelte ein namenloses weißer Segler auf dem Plakat von Karstadt Bremerhaven.

Zum 70. Geburtstag segelte ein namenloses weißer Segler auf dem Plakat von Karstadt Bremerhaven.

Foto: Lothar Scheschonka

Für Bergt könnte es an der Vergangenheit liegen: Warenhäuser waren Magnete der Innenstädte mit legendären Dekorationen, vor allem zu Weihnachten. Für Frauen bedeutete eine Arbeit bei Karstadt eine Absicherung. Die Häuser waren für Fürsorge bekannt. „Es gab Ruhezonen für die Pausen, Liegestühle auf Dachterrassen, schon ganz früh“, so Bergt. Betriebsrente, Ferienheime, Kantinen und Personalkauf. Geschäftsführer blieben 30 bis 40 Jahre an einem Standort.

Wer hat Karstadt noch im Haus?

Aufruf an ehemalige Angestellte, treue Kunden oder Flohmarkt-Liebhaber: Holger-Philipp Bergt sucht alles, was mit Karstadt Bremerhaven oder generell den Warenhäusern zu tun hat. Wer etwas auf dem Speicher oder im Keller gefunden hat – vom Kassenbon über den Arbeitsvertrag –, das er in die Sammlung des Bremers geben möchte, kann ihn kontaktieren. Oder ihm auch seine persönliche Karstadt-Geschichte „schenken“: Holger-Philipp Bergt, Bremen, Tel. (0421) 47 88 58 75, Mail: holger.bergt@web.de

Der erste Knick der Neuzeit kam in den 1980er Jahren. Seit 2009 habe auch das Haus in Bremerhaven immer wieder auf der Kippe gestanden.

Eine von ihm geplante Ausstellung zum 90. Geburtstag war für 2019 geplant – sie platzte. Dennoch würde Holger-Philipp Bergt den Bremerhavenern auch jetzt noch gern seine „Karstadt-Schätzchen“ zeigen.

Eine Ausstellung in einem Museum? „Das wäre natürlich toll“, schwärmt der Mittfünfziger.

Trotz aller Leidenschaft sieht der Fan manche Entscheidung kritisch. „Der Onlinehandel und zuletzt Corona mögen Anteil am Niedergang haben, doch die Probleme halte ich für hausgemacht. Es wurde zu viel am Personal gespart“, sagt er. Zudem hätten die Bosse zu wenig auf die Mitarbeiter vor Ort gehört, wenn es um lokale Bedürfnisse das Sortiment betreffend ging.

Zwar nicht in der Seestadt, doch Bergt glaubt, dass Karstadt weiter bestehen kann. „Die sollten mit El Corte ingles aus Spanien zusammenarbeiten“, sagt er, einer Warenhauskette, der es deutlich besser gehe. Bergt ist sich sicher: „Wenn sich ein Kaufhaus auf die Kunden vor Ort ausrichtet, kann es noch 150 Jahre bestehen.“

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Chronik Karstadt Bremerhaven

1889 – Gründung der Firma Siegmund Lewy & Co. in Bremerhaven

1910 – Die Firma errichtet das spätere Karstadt-Haus an der „Bürger“/Ecke Mittelstraße. Der Entwurf stammt vom Potsdamer Architekten Schmanns. Die Firma Lewy gehörte wie weitere 15 Firmen zum Kaufhaus-Konzern Lindemann & Co. AG Berlin.

September 1929 – Übernahme der Firma Lindemann und damit auch des Hauses in Bremerhaven durch die Rudolf Karstadt AG.

1938 Anbau eines Betriebsgeländes an der Rückfront.

18. September 1944 – Beim größten Bombenangriff wird der Stadtteil Mitte zu 97 Prozent zerstört, das Kaufhaus brennt vollständig aus. Der Verkauf wird in der damaligen Kaiserstraße 27 und 30 zusammen mit „Kepa“ fortgeführt.

1950 – Wiederaufbau der Ruine und Wiedereröffnung: 1600 Quadratmeter hat das erste Geschäftshaus an der „Bürger“, 260 Angestellte zählt Karstadt. Am Eröffnungstag muss mehrfach wegen Überfüllung geschlossen werden.

1959 – Eröffnung eines Neubaus gegenüber der Großen Kirche, weil das alte Gebäude nicht mehr den Erfordernissen der Zeit entsprach.

1977 – Das alte Karstadt-Haus wird abgerissen, der Neubau, also der heutige Standort, erweitert.

1978 – Eröffnung mit neuer Lebensmittelabteilung, im Mai verfügt das Haus über 10.000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 550 Angestellte.

Anfang der 90er Jahre übernimmt Karstadt Hertie und Kaufhof Horten.

1999 – 70 Jahre Karstadt in Bremerhaven wird gefeiert.

2006 – Das Haus fällt an das Highstreet-Konsortium, dessen Geschäftszweck Besitz und Vermietung der Karstadt-Warenhäuser ist.

2009 – Mit der Karstadt-Insolvenz haben sich auch alle Pläne in Bremerhaven zu Abriss und Neubau zerschlagen.

2017 gab es noch 100 Beschäftigte. Zuletzt waren es mit Fremdfirmen (Reinigungskräfte, Detektive usw.) sowie den Aushilfen rund 110 Menschen, allerdings hatten nur die wenigstens Anspruch, in einer Transfergesellschaft wechseln zu können. 37 Mitarbeiter tun dies zum 1. Februar.

Vorm aktuellen Lockdown hatte Karstadt am 15. Dezember 2020 zum letzten Mal geöffnet.

Quelle: NZ-Archiv/Bergt/Karstadt-Chronik

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