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Bernd Klöpper auf dem Sofa in seinem Tiny House. Im Hintergrund ist die Treppe zum Hochbett zu sehen. Darunter steht der Kühlschrank.

Bernd Klöpper auf dem Sofa in seinem Tiny House. Im Hintergrund ist die Treppe zum Hochbett zu sehen. Darunter steht der Kühlschrank.

Foto: Bert Albers

Leute

Tiny House: Winzig ist nicht unbedingt zu klein

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Bernd Klöppers Werk ist nichts für Leute, die zu Hause gerne Billard spielen. Auch Familien, Klaustrophobiker, Shoppingsüchtige werden an seinem Produkt kaum Freude haben. Der Tischlermeister aus Nartum bei Zeven setzt nämlich darauf, dass sich Menschen aufs Wesentliche beschränken. Er hat ein Tiny House gebaut, eine 26-Quadratmeter-Unterkunft, mit der man ziemlich schnell umziehen kann.

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Es riecht ein bisschen wie am Zuschnitt im Baumarkt. Holzig eben. Und so soll es sein. „Ich wollte ein reines Holzprodukt bauen“, sagt Bernd Klöpper. Etwas Nachhaltiges aus Fichte, Eiche, Tanne. Der 56-Jährige mit dem jungenhaften Lächeln und dem ergrauten Haar sitzt auf einem türkisfarbenen Sofa an der Längsseite seines Winzlingshauses. Vor ihm steht ein ziemlich schmaler Tisch mit Keksdose, Kerze, Kaffeekanne und -tassen. Klöpper genießt die Aussicht. Eine gläserne Schiebetür gegenüber der Couch eröffnet den weiten Blick nach draußen auf die Weide. Wer hindurchgeht, tritt auf die Terrasse, die größer ist als die meisten Balkone und auf der bei Sonnenschein zu sitzen sich der Gast äußerst angenehm vorstellt.

Drinnen ist es selbst an einem trüben Wintertag freundlich hell. Das ist dem vielen unbehandelten Holz geschuldet, vor allem aber den Rundum-Oberlichtern, die Klöpper unter dem drei Meter hohen Dach verbaut hat. Der Tischlermeister selbst lebt auf 123 Quadratmetern über seiner Werkstatt, die auf einem Bauernhof von 1913 untergebracht ist. Doch im „Wohn(t)raum“, wie er das Tiny House genannt hat, fühlt er sich mindestens genauso wohl. „Super, oder“, fragt er seinen Besucher und lächelt dabei selig. Er weiß, dass die Unterkunft Charme hat und bei beinahe jedem gut ankommt, der sie zum ersten Mal betritt.

Zur Besichtigung kamen 700 Interessierte

Im Herbst, kurz nach der Fertigstellung, lud Klöpper zur Besichtigung ein. 700 Neugierige kamen, und nicht wenige wären gerne sofort eingezogen, erinnert sich der Bauherr. „Viele mit einem großen Haus, die sagen: Ich möchte das nicht mehr.“ Menschen, die lieber in einer Minihaussiedlung leben möchten. In einer Gemeinschaft. Miteinander. „Das hat eine soziale Komponente“, glaubt der Tischler. „Das passt in die Zeit.“

Nur passt die Zeit nicht jedem Bauamt. Im Landkreis Rotenburg jedenfalls bewegt sich laut Klöpper die Begeisterung für seine Pläne in überschaubaren Grenzen. Für die hiesigen Behörden seien Tiny Houses bessere Gartenhäuschen. „Die wollen nicht, dass so was dauerhaft bewohnt wird.“ In Süddeutschland, wo seine Lebensgefährtin Manuela Schädler wohnt, sei das hingegen überhaupt kein Problem. Und in Hannover ist eine Tiny-House-Siedlung auf 50000 Quadratmetern in Planung, die bis zu 800 Menschen eine neue Heimat bieten soll.

Eingangsbereich des winzigen Musterhäuschens.

Eingangsbereich des winzigen Musterhäuschens.

Foto: Bert Albers

70.000 Euro für das kleine Glück

„Es gibt den Bedarf“, ist Klöpper sicher. Seine Kleinunterkünfte, die um die 70.000 Euro kosten, seien nicht zuletzt eine Antwort auf städtische Wohnungsnot. Wenngleich sich ein Tiny House wie das seine nur für Singles eigne, maximal für Pärchen, „die sich sehr gut verstehen“. Mit drei oder vier Leuten ist wohl höchstens eine kurzfristige touristische Nutzung denkbar. An einer solchen arbeitet Klöpper gerade. In der Heimat seiner Freundin kooperiert er mit einem Hotelier, auf dessen Gelände ein paar Ferienhäuser stehen sollen.

Das geht, ohne Einbußen in der Lebensqualität. Ich bin davon total überzeugt.
Bernd Klöpper, Tischlermeister

Seinen Anfang nahm das Projekt auf Norderney. „Wir sind oft unterwegs und spinnen ein bisschen herum.“ Klöpper und Schädler saßen also in der Sauna und stellten sich vor, wie toll es wäre, eine solche auf Rädern zu konstruieren und sie direkt am Strand zu parken. Aus der Spinnerei wurde ein Wohnhaus statt heißer Luft, doch an den Strand stellen könnte man auch dieses. Der 7,20 Meter lange „Wohn(t)raum“ ist auf einen Trailer gebaut, der sich überall hinbringen lässt. „Man kann sich schnell verändern, ohne viel Aufwand.“ Jedenfalls wenn man über ein zugkräftiges Gefährt verfügt. Immerhin wiegt das Konstrukt 4,5 Tonnen, ohne die Habseligkeiten des Bewohners.

Wenig Raum für Krempel

Wobei: Viel Krempel sollte man nicht mitbringen, wenn man sich in Klöppers Tiny House noch bewegen will. Für Klamotten, Bücher, Schnickschnack gibt’s nicht allzu viel Kapazitäten. Über dem Eingang ist ein bisschen Stauraum, links daneben findet man eine Garderobe. Schränke im eigentlichen Sinne gibt es nur in der Küche an der Wand und unter der Arbeitsplatte. Doch die sind für Geschirr und Töpfe gedacht.

Klöpper ist sich des Problems bewusst. Sein nächstes Tiny House wird keinen gesonderten Eingang mehr haben, sondern durch die Terrassentür zu betreten sein. Das schafft zusätzlichen Platz. Auch vom Hochbett will er weg. Es gebe nicht wenige Interessenten, die die Leiter scheuen. „Ist ja klar, wenn man vielleicht etwas älter ist oder nachts öfter mal rausmuss.“

Nicht so der Ökotyp

In jedem Fall glaubt er fest daran, dass man in einem Tiny House wohnen kann, ohne wirklich zu verzichten. „Das geht, ohne Einbußen in der Lebensqualität. Ich bin davon total überzeugt“, sagt er und nickt in Richtung des kleinen Holzofens in der Ecke. Der sorgt für behagliche Wärme und passt zum nachhaltigen Konzept. Er sei sonst nicht „so’n Ökotyp“, aber heutzutage sei es nun mal Standard, bei der Umsetzung neuer Ideen die Belange der Umwelt zu berücksichtigen. Zumal er das Tiny House nicht nur zum Spaß gebaut hat. Klöpper verspricht sich davon Aufträge. Deshalb feilt er an der Raumaufteilung wie an der Bauweise.

Alles hat seinen Platz: Die Toilette ist platzsparend in die Ecke gebaut. Es gibt eine Dusche und ein Waschbecken.

Alles hat seinen Platz: Die Toilette ist platzsparend in die Ecke gebaut. Es gibt eine Dusche und ein Waschbecken.

Foto: Bert Albers

Den Prototypen hat er mit seinen Mitarbeitern nach und nach aufgebaut. Viel zu aufwendig sei das gewesen. Künftig will er erst die einzelnen Komponenten fertigen, um sie dann in einem letzten Arbeitsschritt zu montieren. Mittelfristig sollen auf Klöppers Grundstück neben der Tischlerei drei Winzlingshäuser stehen. „Vielleicht ziehe ich in eines selbst ein.“ Sein jetziges Haus sei ihm ohnehin zu groß, sagt er und nickt dabei, als wäre ihm das gerade erst aufgefallen. Dann nippt er an seinem Kaffee und schaut wieder verträumt hinaus auf die Weide. Bis die Tür aufgeht und ein Mitarbeiter die Ankunft der ersehnten Holzlieferung meldet. Das Material für „Wohn(t)raum“ Nummer zwei ist da.

Hintergrund zum Tiny House

Die Idee des Tiny House, des winzigen Hauses, findet gerade in der westlichen Welt immer mehr Anhänger. In Ländern, in denen die durchschnittlich genutzte Wohnfläche über Generationen zugenommen hat, kommen viele Menschen zu der Erkenntnis, dass immer mehr Platz, belegt mit immer mehr Besitztümern, nicht zwingend glücklicher macht. Dafür verbrauchen große Häuser mehr Ressourcen, auch finanziell. Zudem sind sie örtlich gebunden, während man mit vielen Winzlingshäusern problemlos umziehen und mit einigen sogar autark leben kann, also ohne auf Ver- und Entsorgungsleitungen angewiesen zu sein.

Viel Licht für die Bewohner des Tiny House durch eine große Fensterfront .

Viel Licht für die Bewohner des Tiny House durch eine große Fensterfront .

Foto: Bert Albers

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