Für Claus Spreckels aus Lamstedt ging der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär in Amerika in Erfüllung.

Für Claus Spreckels aus Lamstedt ging der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär in Amerika in Erfüllung.

Foto: San Francisco Morning Call_1895

Für Claus Spreckels aus Lamstedt ging der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär in Amerika in Erfüllung.

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Vom Lamstedter Landjungen zum Milliardär

Der arme Tagelöhner aus Lamstedt hatte – so jedenfalls geht die Legende – nur einen Taler in der Tasche, als er 1848 amerikanischen Boden betrat. Als Claus Spreckels fast 60 Jahre später in San Francisco starb, hätten seine Taschen nicht mehr ausgereicht, um sein Vermögen zu fassen. Mit 50 Millionen Dollar war er einer der reichsten Männer seiner Zeit. Der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär war für ihn in Erfüllung gegangen.

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Seine Eltern, John Diederich Spreckels (1802–1873) und Gesche Baak (1804–1875), bewirtschafteten in Lamstedt einen kleinen Hof in der Großen Straße 25 direkt neben der Dorfkirche. Die Bauernstelle existiert schon lange nicht mehr. „Ende der 1840er Jahre wütete in Lamstedt ein großer Brand“, weiß Börde-Heimatpfleger Dr. Hinrich Hildebrand. „Dem sind viele Häuser im Bereich der Kirche, die alle mit Reet eingedeckt waren, zum Opfer gefallen.“

Spreckels’ Eltern konnten als Pächter ihre sechs Kinder mehr schlecht als recht ernähren. Die Hungerjahre 1846/47 machten es richtig schlimm, Missernten und Kartoffelfäule führten dazu, dass die Bauern kaum noch satt wurden. Claus Spreckels, am 9. Juli 1828 geboren, war klar, dass er in der Börde nie auf einen grünen Zweig kommen würde. Als 19-Jähriger beschloss er wie viele aus der Region, sein Glück in Übersee zu suchen. So entkam er auch dem preußischen Militärdienst.

Klatschspalten gab es auch schon im 19. Jahrhundert. Der "San Francisco Morning Call" zeigte Claus Spreckels 1895 beim Kegeln.

Klatschspalten gab es auch schon im 19. Jahrhundert. Der "San Francisco Morning Call" zeigte Claus Spreckels 1895 beim Kegeln.

Foto: San Francisco Call_1895_

Sechs Millionen Deutsche verlassen ihr Land

Im 19. Jahrhundert verließen sechs Millionen Deutsche ihr Land, fünfeinhalb Millionen davon strebten in Richtung Amerika. „Chancen-Wanderung“ nennt der Historiker Uwe Spiekermann, der sich ausführlich mit dem Spreckels-Clan beschäftigt hat, diese Emigrationswelle. Typisch für diese Zeit war die „Ketten-Wanderung“, so der Professor. Auch die Spreckels bildeten eine solche Kette, Claus, der Älteste der sechs Geschwister, zog seine Brüder nach. Sein Bruder Peter brachte es ebenfalls zum Millionär.

Doch zurück zum Anfang: 1847 schiffte sich Claus Spreckels in Hamburg ein, er landete in der Hafenstadt Charleston im Süden der USA. Natürlich sprach er, der nur die Volksschule besucht hatte, kein Wort Englisch. Musste er auch nicht. Denn er wurde aufgefangen von einer kleinen deutschen Auswanderergruppe, die ihm unter die Arme griff. Spiekermann vergleicht diese eingeschworene Gemeinschaft mit Clanstrukturen von heute – „nur dass die zivil waren“. Der junge Mann arbeitete bei einem deutschen Kolonialwarenhändler, dessen Geschäft er anderthalb Jahre später übernahm.

Spreckels zieht es nach New York

Doch den stämmigen Mann mit den blauen Augen, der rasch Englisch gelernt hatte, zog es nach New York. Dort lebte seine Jugendliebe Anna Mangels aus Mittelstenahe, die wie so viele der ankommenden Frauen als Dienstmädchen arbeitete. Die beiden heirateten 1852, und Spreckels eröffnete einen Lebensmittelhandel in Manhattan. In New York konnte er ebenso auf die Hilfe der Familie Mangels setzen wie auf die seiner Brüder.

Claus Spreckels aus Lamstedt wanderte 1848 nach Amerika aus.

Claus Spreckels aus Lamstedt wanderte 1848 nach Amerika aus.

Foto: Arnd Hartmann

Der Lamstedter war ein Unruhegeist, er suchte das Abenteuer. 1856 folgte er dem großen Treck nach Westen. In der Glücksritterstadt San Francisco versorgte er die schürfende Männerbande mit Lebensmitteln. Und mit Bier und Spirituosen. Das machte er so erfolgreich, dass er zusammen mit seinem Bruder Peter und seinem Schwager Claus eine Brauerei gründete, die Albany Brewery. „Spreckels setzte oft auf neue Technik, da war er durchaus innovativ“, weiß Historiker Spiekermann.

Eigene Zuckerraffinerie in San Francisco

Einige Jahre später wandte er sich dem Zucker zu. Die US-Amerikaner waren bereits damals verrückt nach Zucker. Und Spreckels verrückt nach Erfolg. Er fuhr extra nach New York, um dort die neuesten Methoden der Zuckerherstellung kennenzulernen. Kurz darauf gründete er seine eigene Raffinerie in San Francisco. Er wollte besser sein als die Konkurrenz, guckte sich an, wie in Deutschland Zucker veredelt wurde. Ein Nebeneffekt: Er brachte den Würfelzucker in die USA, denn bis dahin mussten die einzelnen Portionen aus groben Blöcken gehackt werden. Spreckels legte sich mit seinen Konkurrenten an, gewann den „Zuckerkrieg“ zwischen dem Westen, wo er ein Monopol hatte, und dem Osten.

Der kalifornische „Zuckerkönig“, inzwischen Millionär, sah sein Reich aber bedroht, weil immer mehr billiger Zucker aus Hawaii ins Land kam. Was tun gegen diese unliebsame Konkurrenz? Erst kaufte Spreckels die gesamte Zuckerernte in Hawaii auf, die er bekommen konnte, dann baute er selbst auf Maui am Fuße eines Vulkans Zucker an. Natürlich war der Mann mit dem goldenen Händchen für Geschäfte dort so erfolgreich, dass er Spreckelsville zur größten Zuckerplantage der Welt machte.

Spreckels wird als getrieben und ungeuldig beschrieben

Spreckels, den seine Untergebenen als „getrieben und ungeduldig“ beschrieben, stieg der Erfolg wohl ein bisschen zu Kopfe. Jedenfalls beleidigte er eines Tages den König, Hawaii war damals noch eine Monarchie. Spreckels spielte mit dem König Karten. David Kalakaua hatte eigentlich das bessere Blatt, drei Asse, Spreckels nur drei Könige. Dennoch beanspruchte er mit einer frechen Behauptung den Sieg für sich. Er habe vier Könige, er sei schließlich der vierte König, so der Geschäftsmann. Hawaiis König fand das nicht komisch.

Der ruhelose Spreckels ruhte sich nie auf seinem Erfolg aus, setzte auf Zuckerrüben statt Zuckerrohr. In Kalifornien baute er die größte Raffinerie für seine Zeit, „einen Riesen-Moloch“, so Spiekermann. Er investierte auch in andere Branchen, finanzierte eine Reederei, war an mehreren Eisenbahnunternehmen beteiligt und an Immobilien. In San Francisco baute er den ersten Wolkenkratzer, natürlich wurde das „monumentale Bürogebäude“ nach ihm benannt. Damals hieß es Spreckels Building, später wurde es zum Central Tower.

Die 1879 fertiggestellten California Sugar Refinery Co. Sie bildete das Herzstück der Expansion nach Hawaii, denn hier liefen die mit Rohzucker beladenen Schiffe ein.

Die 1879 fertiggestellten California Sugar Refinery Co. Sie bildete das Herzstück der Expansion nach Hawaii, denn hier liefen die mit Rohzucker beladenen Schiffe ein.

Foto: San Francisco News Letter_1881

Vermögen von rund 50 Millionen Dollar

Spreckels, einer der reichsten Männer Kaliforniens, gehörte „zur modernen, urbanen Oberschicht“, so Historiker Spiekermann. Als sich der Selfmademan 1905 aus dem Geschäft zurückzog, wurde sein Besitz auf 50 Millionen Dollar geschätzt, das entspricht heute etwa 1,3 Milliarden Dollar. Seit den 1870er Jahren verkehrte er mit den amerikanischen Präsidenten, hätte auch selbst in die Politik gehen können. „Das war nicht ungewöhnlich für die Zeit“, urteilt Spiekermann. „Die USA waren eine Oligarchie, auch wenn ein demokratisches Männerwahlrecht bestand.“

Der Vater von 13 Kindern, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten, sagte von sich selbst, er sei Kalifornier. „Doch er trug sein Vaterland im Herzen“, ist sich Spiekermann sicher. So führte der Multi-Millionär 1871 die Parade an, mit der der deutsche Sieg im Deutsch-Französischen Krieg gefeiert werden sollte. Die Zuschreibungen der anderen wurde er erst recht nicht los. Seine Feinde schmähten ihn als „gierigen Preußen“. Selbst bei seiner Beerdigung, er starb am 26. Dezember 1908 an einer Lungenentzündung, wurde er als „deutsche Eiche“ charakterisiert.

„Je schneller die Schiffe wurden, um so häufiger hat er sein Heimatland besucht“, weiß der Historiker Spiekermann. Auch Lamstedt. Dort spendierte er seiner Schwester Anna 1902 eine repräsentative Villa mit Erker, den Kirchgängern 1907 eine neue Orgel. Und seinen Eltern ließ er auf dem Friedhof ein pompöses Grab mit riesigen Steinplatten errichten. Nichts davon hat die Zeitläufe überdauert. Im Lamstedter Ortsbild ist Claus Spreckels ein Niemand geblieben.

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