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Der letzte Windindustrie-Betrieb in Bremerhaven ist dicht. Trotzdem hat die Seestadt als Standort noch eine Chance.

Der letzte Windindustrie-Betrieb in Bremerhaven ist dicht. Trotzdem hat die Seestadt als Standort noch eine Chance.

Heute

„Die Offshore-Windindustrie steht immer noch am Anfang“

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Ende des Jahres hat mit dem Turbinenhersteller Senvion das letzte Produktionswerk der Offshore-Windindustrie in Bremerhaven seine Tore geschlossen. Heike Winkler, seit Juni neue Geschäftsführerin des Branchennetzwerks WAB, wehrt sich jedoch gegen den Eindruck, dies sei das Ende Bremerhavens als Standort der Windindustrie. Mit ihr sprach unser Redakteur Christoph Barth.

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Waren Sie schon auf einer „Fridays for Future“-Demo? Ja, nicht nur auf einer. Wir hatten zuletzt gerade das Vergnügen, beim globalen Klimastreik dabei zu sein – da war ja auch in Bremerhaven einiges los. Das Schöne ist, dass sich immer mehr Gruppen dieser Bewegung anschließen. Wir wollen uns den Jugendlichen nicht aufdrängen, aber ihnen signalisieren, dass wir sie unterstützen.

Eigentlich sind das ja zurzeit Ihre besten Verbündeten, oder?
Das kann man so sehen. Auf jeden Fall singen sie die schönsten Lieder für die erneuerbaren Energien und haben die klarste Position zum Klimaschutz, habe ich festgestellt.

Das zurückliegende Jahr war für die Windindustrie in Bremerhaven kein gutes: Mit Senvion schließt der letzte der großen Hersteller sein Werk. Ist das Kapitel Offshore-Windenergie für Bremerhaven damit zu Ende? Aus meiner Perspektive auf keinen Fall. Die Offshore-Windindustrie steht immer noch am Anfang einer weltweiten Entwicklung. Wir waren von Anfang an dabei – auch in Bremerhaven – und können dadurch in vielen Bereichen die besten und innovativsten Lösungen anbieten.
Heike Winkler

Heike Winkler


Aber die Hersteller sind nicht mehr da – Weserwind, Adwen, Powerblades, Senvion: Alle haben die Produktion eingestellt.
Das ist eine Katastrophe. Wenn in der Kohleverstromung oder der Automobilindustrie Jobs wegfallen, könnte die Windindustrie optimale Möglichkeiten bieten, schnell neue Beschäftigung aufzubauen – gerade auch im handwerklich-gewerblichen Bereich, also für Mechatroniker, Elektriker und viele weitere Arbeitsfelder. Wir können aber die Strompreisbremse und die Kürzung der Ausbauziele nicht rückgängig machen – das ist passiert, weil es politisch so gewollt war, und das war ein großer Fehler. Die Folgen tragen wir jetzt alle.

Was hat denn der Standort Bremerhaven noch zu bieten?
Wir haben noch eine starke Forschungslandschaft mit dem Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme, mit dem FK-Wind-Institut an der Hochschule, mit dem AWI, auch mit dem Thünen-Institut, wenn es zum Beispiel um die Erforschung der Artenvielfalt in den Offshore-Windparks geht. Gleichzeitig haben wir in Bremen und Bremerhaven kompetente Windunternehmen wie Tractebel DOC, B.Offshore, WindMW Service, RelyOn Nutec, Windresearch, Rhenus, WPD, Deutsche Windtechnik, Reetec und viele weitere Unternehmen...

Also Ingenieurbüros und Serviceunternehmen.
Genau, die wissen, was sie tun, weil sie von Anfang an dabei waren. Wir sehen, dass es zum Beispiel in Schottland durchaus Interesse an den Kompetenzen gibt, die unsere WAB-Unternehmen bieten. Wir haben hier die Pionierarbeit geleistet, die andere noch vor sich haben.

Aber in einem Ingenieur-Büro arbeiten 20 oder 30 Ingenieure, keine Mechatroniker oder Elektriker. Sehen Sie eine Chance, dass Bremerhaven als Produktionsstandort noch eine zweite Chance erhält?
Ja. Gerade im Hinblick auf Windkraft und Wasserstoff. Fest steht: Wir brauchen noch viel mehr erneuerbare Energien – nicht nur für die Stromerzeugung, sondern auch zum Heizen, in der Industrie und im Verkehrsbereich. Hier ist Wasserstoff eine Lösung, der mit Hilfe von Windenergie gewonnen wird. Dieses Themenfeld müssen wir besetzen – Wind und Wasserstoff. Das bietet diesem Standort viele Ansätze um Arbeitsplätze zu schaffen. Ein stärker Ausbau sowie Repowering, Rückbau und Recycling bieten Wertschöpfungspotenziale für Bremerhaven und die ganze Küste.

Die Entwicklung im Bereich Wasserstoff steht aber noch ganz am Anfang. Können Sie schon abschätzen, ob aus der Forschungstätigkeit einmal eine Wasserstoffindustrie wird? Ich glaube nicht, dass wir die Zeit haben, jahrelang erst einmal herumzuforschen – dann haben wir den Markt verpasst. Die Wasserstoffindustrie muss wie die Windindustrie jetzt schnell weiter wachsen können.

Vieles ist aber unerforscht: Wasserstoff ist noch zu teuer, die Herstellung mit hohen Energieverlusten verbunden.
Deshalb müssen wir schnell Anwendungsbeispiele schaffen, wie sich der Wasserstoff sinnvoll nutzen lässt.

Zum Beispiel?
Man kann Wasserstoff zum Beispiel direkt von Offshore-Windparks produzieren lassen, gerade auch angesichts des schleppenden Ausbaus der Stromnetze. Oder man nimmt den abgeregelten Strom von Onshore-Anlagen – also Strom, der nicht ins Netz eingespeist werden kann, und produziert damit Wasserstoff.

Und was macht man dann damit? Man kann ihn zum Beispiel zum Antrieb von Schiffen oder Lkw nutzen. Zurzeit gibt es Überlegungen, die Crew Transfer Vessel – also die Schiffe die Servicetechniker zu den Windrädern draußen auf dem Meer fahren – in den Windparks mit Wasserstoff zu betanken. Und das ist nur ein Beispiel – es gibt viele andere. Die gesamte Sektorkopplung braucht Wasserstoff. Die Stahlindustrie, Chemieindustrie und viele weitere Industriezweige sind auf „grünen“ Wasserstoff angewiesen.

WAB stand ja mal für „Windenergieagentur Bremerhaven“ – wird daraus jetzt die Wasserstoffagentur?
Nein, das garantiert nicht. Denn wie gesagt: Ohne Wind kein „grüner“ Wasserstoff. Wir haben allerdings eine Kooperation mit H2BX und wollen Wasserstoff mit Unterstützung unserer Mitglieder in die Vereinssatzung mitaufnehmen.

Die Bundesregierung hat angedeutet, dass der von Ihnen jahrelang bekämpfte „Ausbaudeckel“ für die Offshore-Windenergie angehoben werden soll – von 15 auf 20 Gigawatt bis 2030. Hat Bremerhaven noch etwas davon?
Wenn wir genug Marktvolumen haben, kommen die Unternehmen auch hier an den Standort. 20 GW reichen allerdings nicht. Es geht dann um Service, um Installation, Repowering, Recycling – das wird nicht alles in Emden stattfinden oder in Cuxhaven. Die Chance, dass Bremerhaven dann Unternehmen anziehen kann, ist nach wie vor sehr hoch. Bei ausreichendem Ausbaupotenzial – also Markvolumen – können wir vielleicht noch einmal auf einen Hersteller wie MHI Vestas hoffen.

Aber die Hersteller haben doch alle ihre Produktionsstätten: MHI Vestas in Dänemark, GE/Alstom in Frankreich, Siemens Gamesa in Cuxhaven.
Wir reden von einem geplanten Ausbau der Offshore-Windenergie in Europa auf 450 Gigawatt bis 2050. Die Werke werden komplett ausgelastet sein. Wenn das nötige Martkvolumen existiert, rechnet sich auch ein Ausbau der Produktionskapazitäten. Die 20 Gigawatt, die die Bundesregierung bis 2030 plant, sind allerdings immer noch nicht genug, wenn wir mit Hilfe von Wasserstoff auch die Energiewende im Verkehrssektor und in anderen Bereichen einleiten wollen. Auch die Digitalisierung erfordert mehr Strom, als die Bundesregierung bislang vorsieht.


Wo müssten die Ausbauziele also Ihrer Einschätzung nach liegen?
In der Bremer Erklärung haben wir 35 Gigawatt bis 2035 in die Diskussion gebracht – das ist noch bescheiden, wäre aber ein Schritt in die richtige Richtung. Das Fraunhofer IWES sieht ein Potenzial für die Offshore-Windenergie in Deutschland von 57 Gigawatt.

Wir sind mit den bislang installierten Windparks bei einer Leistung knapp überhalb 7 Gigawatt.
Auf jeden Fall noch ganz am Anfang.

Wenn Sie die Möglichkeit einer industriellen Renaissance für Bremerhaven sehen: Halten Sie auch am Offshore-Termial OTB fest, den ansonsten so ziemlich jeder aufgegeben hat?
Es war ein riesengroßer Fehler, den OTB nicht rechtzeitig fertiggestellt zu haben. Wenn der Terminal nicht gebaut werden sollte, muss man über Alternativen nachdenken. Die Konzepte dafür sehe ich nicht.

Es gibt Überlegungen, die Westseite des Fischereihafens für Schwergutverladungen auszubauen. Das wäre ein Ansatz, ich habe aber noch keine konkreten Pläne dafür gesehen. Man muss vielleicht auch überlegen, wie sich das Containergeschäft weiterentwickelt und wie sich der Hafen dann dort gestaltet.

Ob man also Teile des Containerterminals zum Offshore-Terminal umwidmen kann?
Oder für Elektrolyseure zur Wasserstofferzeugung, da gibt es mannigfaltige Überlegungen. Ich muss der Industrie jedenfalls konkrete, attraktive Angebote machen, sonst wird niemand nach Bremerhaven kommen. Hierauf sollten alle relevanten Akteure am Standort an einem Strang ziehen.

Sollte das Land das juristische Verfahren um den OTB weiterverfolgen? Ich bin keine Juristin, ich kann die Erfolgschancen nicht einschätzen. Aber wenn es eine Chance gibt, sollte man das Projekt weiterverfolgen.

Den Bedarf sehen Sie also noch?
Bremerhaven braucht Flächen zur Schwergutverladung, wenn es für die Industrie ein attraktiver Standort sein will.

Sie haben Ihr Amt Mitte des Jahres kommissarisch übernommen, im November dann richtig. Was haben Sie sich vorgenommen?
Ich möchte den Austausch der Mitgliedsunternehmen untereinander verbessern und die WAB wieder stärker sichtbar machen. Darüber hinaus liegt mein Fokus auf der Stärkung des Heimatmarkts für On- und Offshore Wind, bestenfalls auch für Wasserstoff.

Sie haben durch die Krise der Windindustrie Mitglieder verloren – wie viele sind es noch?
Wir haben 2017/18 massiv Mitglieder verloren, das stimmt. Viele haben sich aus dem Geschäft zurückgezogen. Jetzt sind es 260 und auch dieses Jahr mussten noch Unternehmen ihr Geschäft aufgeben oder sich aus dem Windbereich zurückziehen. Wir sind für die Windkraft auf See nach wie vor der mitgliederstärkste Verband und haben deshalb den berechtigten Anspruch, die Stimme der Industrie auf Bundesebene zu sein und zu bleiben.

Aber Ihr Büro in Berlin mussten Sie aufgeben.
Ich arbeite daran, das zu ändern. Wenn man in Berlin mitreden will, muss man dort präsent sein. Ansonsten heißt es weiter pendeln.

Exklusiv. Kritisch. Nah.

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