Andreas Kretzer demonstriert, wie der Bogen gespannt wird - hier ohne Pfeil. Er hat ein Zuggewicht von 32 Pfund.

Andreas Kretzer demonstriert, wie der Bogen gespannt wird - hier ohne Pfeil. Er hat ein Zuggewicht von 32 Pfund.

Foto: Bohn

Andreas Kretzer demonstriert, wie der Bogen gespannt wird - hier ohne Pfeil. Er hat ein Zuggewicht von 32 Pfund.

Heute

Bogenschießen: Sein Traum ist die Teilnahme an den Paralympics

Ein bisschen wehmütig schaut sich Andreas Kretzer derzeit die Übertragungen der Paralympics aus Tokio an. „Da wäre ich gerne dabei gewesen“, sagt der Hymendorfer. Unrealistisch ist das nicht, denn der 62-Jährige hat schon eine Reihe von Titeln im Bogenschießen der Behinderten geholt. Zehnmal ist er Deutscher Meister geworden: achtmal im Einzel, zweimal im Mannschaftswettbewerb.

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Dazu kommen noch etliche Silber- und Bronzemedaillen in verschiedenen Wettbewerben. Die Paralympics-Wettbewerbe im Bogenschießen wird sich Kretzer ganz genau anschauen: „Den einzigen deutschen Teilnehmer – Maik Szarszewsk aus Bayern – habe ich schon im Wettbewerb geschlagen“, erzählt er stolz.

Dass er in diesem Sport einmal so erfolgreich sein würde, hätte er vor 13 Jahren noch nicht für möglich gehalten. „Damals war ich begeisterter Fußballer beim Hymendorfer SV“, erzählt der 62-Jährige. Doch dann kam der Arbeitsunfall: ein schwerer Autounfall mit dem Dienstwagen zwischen Drangstedt und Debstedt. Zweieinhalb Wochen lag er im Koma, insgesamt sieben Monate verbrachte in der Klinik. Die Folgen des Unfalls: schwere Verletzungen an beiden Beinen.

Zu 70 Prozent schwerbehindert

„Es war schon fast ein Wunder, dass ich sie behalten konnte“, sagt Kretzer. Und doch: Ohne Orthesen und Gehhilfen geht es nicht, auch der Treppenlift zu Hause ist wichtig. „Ich bin schwerbehindert AG 70 Prozent“, erzählt der Hymendorfer.

Sich aufgegeben hat er nie. Über einen Computerkursus bei der Volkshochschule im Landkreis Cuxhaven in Langen wurde er 2012 auf einen weiteres Angebot der VHS aufmerksam: Bogenschießen für Anfänger. „Das hat mir sofort gefallen. Und das Gute: Der Trainer war auch Landestrainer im Parabogensport“, berichtet Kretzer. Dieser habe ihn ermuntert, denn der Grundkursus lief gut.

So fing der Hymendorfer beim SV Alfstedt an. Und mit der Zeit wurde er immer besser. Doch um leistungsmäßig im Behindertenbereich antreten zu können, brauchte er einen Verein, der Mitglied im Behinderten-Sportverband Niedersachsen ist. „Das gab es leider im Cuxland nicht, und das Land Bremen hat keinen Landeskader“, bedauert Kretzer. So kam er zur BSG Osterholz-Scharmbeck. Bereits 2014 errang er seine erste Medaille bei der Deutschen Meisterschaft in Karlsruhe – der Anfang seiner Erfolgsserie.

Erster Platz in Berlin

Seitdem ist er regelmäßig bei Turnieren und Deutschen Meisterschaften dabei. Besonders stolz ist er auf seinen ersten Platz bei den Berlin-Open im Jahr 2018, wo es sogar ein Preisgeld gab. Zwei bis dreimal war er auch bei Deutschen Meisterschaften der Nicht-Behinderten dabei. „Mein größter Erfolg war 2019 in Biberach. Da bin ich Zwölfter von 75 Teilnehmern geworden. Und um da teilnehmen zu können, muss man sich auch qualifizieren“, betont Kretzer.

Um das Leistungsniveau halten zu können, muss er regelmäßig trainieren. Dreimal die Woche ist er deswegen für jeweils zwei Stunden beim SV Alfstedt. „Denn jedes Mal nach Osterholz-Scharmbeck zu fahren, wäre zu weit“, sagt er. Dazu kommt noch einmal im Monat ein Wochenende Training im Landeskader.

Stolz präsentiert Andreas Kretzer einen Teil seiner Trophäen, darunter den bemalten Glaspokal von den Berlin-Open 2018.

Stolz präsentiert Andreas Kretzer einen Teil seiner Trophäen, darunter den bemalten Glaspokal von den Berlin-Open 2018.

Foto: Bohn

Die Corona-Pandemie hat aber auch den Bogensport zum Erliegen gebracht. „Zum Trainieren habe ich mir selber eine Scheibe gebaut und auf der Weide geschossen“, erzählt er. Denn ohne Training geht es nun mal nicht. „Fürs Bogenschießen ist nur zehn Prozent Talent wichtig. Der Rest dreht sich um den richtigen Bewegungsablauf“, sagt der Sportler. Dazu gehört auch das Zuggewicht. Es gibt an, welche Kraft benötigt wird, um einen Bogen vollständig auszuziehen. „Ich bin hier bei 32 Pfund, etwa 15 Kilo“, erzählt Kretzer. Vom Zuggewicht ist auch die Weite abhängig, die der Pfeil fliegen kann.

Bewusst Recurve-Bogengewählt

Sein Sportgerät ist der Recurve-Bogen. Den hat er nicht ohne Grund gewählt: „Denn der ist im Gegensatz zum Compound-Bogen für Olympia zugelassen“, erläutert er. Seine Ausrüstung ist ihm wichtig: Neben dem Bogen gehören dazu unter anderem auch Stabilisator und Pfeile sowie Schutzausrüstung. „Da kann man viel Geld ausgeben. Das ist aber gar nicht nötig. Ich komme mit weniger als 1000 Euro aus“, sagt er und beruhigt: „Für Anfänger reichen auch 400 bis 500 Euro.“ Zudem sollten diese nicht sofort eine Ausrüstung kaufen, sondern sich erst leihen und ein halbes Jahr ausprobieren, ob der Sport etwas für sie ist.

Er kann das Bogenschießen nur empfehlen: „Er sorgt für Ausgeglichenheit, man tut etwas für den Körper und ist an der frischen Luft. Und die Konzentration wird gefördert“, zählt Kretzer die Vorzüge auf und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Umweltfreundlich ist der Sport auch, denn im Gegensatz zu Feuerwaffen können wir unsere Munition wiederverwenden.“

Dieses Jahr hat Kretzer bereits wieder eine Medaille geholt: Bronze bei den German Finals Anfang Juni. Und am 12. September tritt er bei der Deutschen Meisterschaft an. Sein Traum ist aber immer noch die Teilnahme an den Paralympics. „Doch langsam werde ich auch zu alt. Also wäre Paris 2024 die letzte Chance“ meint der 62-Jährige, der aber auch mit einer Teilnahme an einem internationalen Turnier wie der Europameisterschaft zufrieden wäre.

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