Psychische Krankheiten wie Depressionen machen auch vor Eltern nicht halt.

Psychische Krankheiten wie Depressionen machen auch vor Eltern nicht halt.

Foto: picture alliance / dpa

Psychische Krankheiten wie Depressionen machen auch vor Eltern nicht halt.

Heute

Depressionen: Wenn Papa wieder weint

Er ist niedergeschlagen, doch seine Kinder sollen davon nichts merken. Tapfer versucht er, seinen Alltag zu meistern, doch die Depression ist zu stark. Auch, wenn der Vater nichts sagt, Tochter und Sohn haben längst gemerkt, dass Papa traurig ist. Sie haben das Gefühl, dass sie schuld sind, und ihm helfen müssen. Wenn Eltern psychisch krank sind, leiden ihre Kinder mit.

Kreis-Icon-Nordstern

Deshalb haben Mitarbeiter der Arche Klinik (Diakonie) und des Klinikums Reinkenheide in Bremerhaven die Eltern-Kind-Gruppe Famos gegründet. Der Name ist eine Abkürzung für „Familie – miteinander offen sprechen“. Das Angebot richtet sich an Familien, in denen Mutter oder Vater psychisch krank ist, und an deren Kinder zwischen 6 und 17 Jahren.

Kinder übernehmen die Rolle des Erwachsenen

„Ohne, dass es angesprochen wird, merken die Kinder hier, dass sie nicht allein sind“, erläutert Musiktherapeut Marco Vollers von der Arche Klinik. In ihrem Alltag sei ihnen das nicht immer bewusst. Da übernähme der Nachwuchs oftmals viel zu früh viel zu viel Verantwortung, weiß Nancy Föhl, Pflegefachkraft in der Tagesklinik Reinkenheide, die sich in der Hafenstraße befindet. Es finde ein Rollentausch, eine sogenannte Parentifizierung, statt, ergänzen die Psychologinnen Kira Vollmer und Consuela Beutler (beide vom Klinikum Reinkenheide). Das heißt, die Kinder schlüpfen in die Rolle des Erwachsenen. Sie kümmern sich um das kranke Elternteil, fühlen sich für seine seelische Verfassung zuständig, erledigen Aufgaben im Haushalt – und das alles, während die eigenen kindlichen Bedürfnisse meist zu kurz kommen.

Ein Kind, das seinen Vater tröstet – Wenn Eltern psychisch krank sind, übernehmen Kinder oft den Part des Erwachsenen. Diesen Rollentausch nennt man Parentifizierung.

Ein Kind, das seinen Vater tröstet – Wenn Eltern psychisch krank sind, übernehmen Kinder oft den Part des Erwachsenen. Diesen Rollentausch nennt man Parentifizierung.

Foto: Biggio/PR

Autonomie sollte gewahrt werden

So könne es vorkommen, dass sie zu wenig Lob, Anerkennung und Liebe bekommen oder ihre Autonomie nicht genügend gewahrt werde, erklärt Consuela Beutler. Hinzu komme nicht selten eine mangelnde Tagesstruktur oder fehlende Rituale, sagt Kira Vollmer. „Die Berechenbarkeit ist häufig nicht vorhanden“, betont sie. Es entstehe eine Überforderung, die sich unterschiedlich äußern könne. „Manche Kinder ziehen sich in sich selbst zurück, manche können sich nicht anpassen.“ Auch Marco Vollers kennt viele der möglichen Auswirkungen: „Einige Kinder werden krank oder unruhig, entwickeln ADHS oder Ängste, werden Schulvermeider oder fangen an, sich selbst zu entwerten“, hat er beobachtet.
Aber auch für die Eltern sei die Situation schmerzhaft. „Sie wollen ihre Probleme oftmals von den Kindern fernhalten“, weiß Vollers. Und Nancy Föhl fügt hinzu: „Sie machen sich Vorwürfe und haben ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Kindern zu viel zumuten.“ Wer zu Famos komme, müsse keine Angst haben, am Pranger zu stehen, unterstreicht sie. Denn so etwas passiere im Alltag ohnehin viel zu oft.

Das Team von der Gruppe Famos heißt psychisch belastete Eltern und ihre Kinder willkommen (von links): Marco Vollers, Kira Vollmer, Claudia Wasmuth (Kinder- und Jugendpsychologin in der Archeklinik), Nancy Föhl und Consuela Beutler.

Das Team von der Gruppe Famos heißt psychisch belastete Eltern und ihre Kinder willkommen (von links): Marco Vollers, Kira Vollmer, Claudia Wasmuth (Kinder- und Jugendpsychologin in der Archeklinik), Nancy Föhl und Consuela Beutler.

Foto: pr

Treffen laufen spielerisch ab

Bei den Treffen gehe es vielmehr darum, ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. „Das Ganze soll spielerisch ablaufen. Es wird auch viel gelacht“, meint Vollers. Am Anfang werde oft ein Kartenspiel zur Auflockerung genutzt. „Auf den Karten sind Stimmungsmonster abgebildet. Jeder, also Kinder und Erwachsene, nimmt sich ein Exemplar, das zu seiner Verfassung passt, und kann erzählen, wieso er oder sie sich gerade so fühlt“, schildert er. Doch keine Sorge: Wer lieber noch nicht über sich sprechen wolle, könne auch im Hintergrund bleiben und eher zuschauen. „Viele profitieren auch schon allein davon, dass andere aus ihrem Leben berichten.“ So sieht es auch Nancy Föhl: „Die Familien gucken sich etwas voneinander ab: Manche haben vielleicht schon Lösungen für ein Problem gefunden, dass man selbst auch hat.“

nach Oben