Dr. Julia Kahleys, Leiterin des Stadtarchivs (links), freut sich, dass Heide Lange (Mitte) und Astrid Röhling-Horn ihr das Fan-Album von Jutta Gaudig übergeben.

Dr. Julia Kahleys, Leiterin des Stadtarchivs (links), freut sich, dass Heide Lange (Mitte) und Astrid Röhling-Horn ihr das Fan-Album von Jutta Gaudig übergeben.

Foto: Lammers

Dr. Julia Kahleys, Leiterin des Stadtarchivs (links), freut sich, dass Heide Lange (Mitte) und Astrid Röhling-Horn ihr das Fan-Album von Jutta Gaudig übergeben.

Heute

Historische Bildzeugnisse
einer großen Bühnenleidenschaft

Hellblaues Papier umrahmt den Einband, der vergilbte Seiten schützt. Seiten, auf denen Eintrittskarten kleben, Programmheftchen und Porträts mit Widmungen von Schauspielern, deren Namen heute nur noch wenigen Menschen ein Begriff sind, um die sich aber vor 75 Jahren die Welt eines Mädchens drehte. Jutta Gaudig (später Horn) liebte das Stadttheater. Ihr Fan-Album liegt jetzt im Stadtarchiv.

Kreis-Icon-Nordstern

Viele Jahre fand der liebevoll gestaltete Band wenig Beachtung in der Wohnung von Jutta Horn. Ihre zwei Töchter wussten jedenfalls nichts von seiner Existenz. Und waren umso überraschter, als sie ihn im Nachlass ihrer Mutter entdeckten. „Dass unsere Mutter als junges Mädchen für das Stadttheater brannte, das wussten wir schon, von dem Album jedoch nicht“, erzählt Astrid Röhling-Horn. Sie ist extra von Bremen angereist, um dieses Zeit-Dokument dahin zu bringen, wo ihm wohl künftig die meiste Wertschätzung entgegengebracht werden dürfte: in die Heimatstadt ihrer Mutter.

In Bremerhaven geboren

Die wurde im Jahr 1930 als Jutta Gaudig in Bremerhaven geboren. „Ihre Mutter war früh verstorben. Unser Großvater, Wilhelm Gaudig, heiratete erneut. Die Tochter des Druckereibesitzers Krause. Die Druckerei hat wohl in der Lloydstraße gestanden, in dem Haus, in dem auch unsere Mutter mit ihrem Vater und der Stiefmutter lebte“, berichtet Astrid Röhling-Horn von den Überlieferungen ihrer Mutter. Das Haus sei jedoch einem Bombenangriff zum Opfer gefallen. Die Familie zog in die Lutherstraße 2a. Zu der Familie gehörte bald auch die kleine Stiefschwester von Jutta Gaudig, Heide Gaudig.

Die junge Jutta Gaudig, später Horn, brannte für das Stadttheater und sammelte Eintrittskarten, Bilder und Korrespondenz.

Die junge Jutta Gaudig, später Horn, brannte für das Stadttheater und sammelte Eintrittskarten, Bilder und Korrespondenz.

Foto: privat

Verliebt in den Schauspieler Egon Matt

Sie heißt heute Heide Lange und lebt in Geestemünde. Gerührt betrachtet die Seniorin das Album, das so eindringlich von der Liebe ihrer Schwester zum Stadttheater zeugt. Zärtlich gleiten ihre Finger durch die Seiten, blättern Programmhefte auf, streichen über einige der Eintrittskarten. Schließlich nimmt sie einen Briefumschlag aus ihrer Handtasche. Darin sind Fotos von Jutta Gaudig. Sie zeigen eine junge, hübsche Frau, die damals ihr Herz an den Schauspieler Egon Matt verloren hatte. Der schnieke Herr bekam einen exponierten Platz in dem Album. In Schönschrift hat die damals 16-jährige Jutta seinen Namen über die mit Widmungen versehenen Porträts ihres Schwarmes geschrieben. „Heute würde man das wohl Autogramm-Karten nennen“, sagt Astrid Röhling-Horn. Ein Inszenierungs-Foto zeigt Matt in dem Stück „Die verkaufte Braut“.

Ein lebenslanges Hobby

In dem Album findet sich eine Vielzahl solcher Fotos, von zumeist in historischen Kostümen gekleideten Darstellern. „Das hätte mir auch gefallen“, sagt Astrid Röhling-Horn. „Modernes Theater mag ich überhaupt nicht.“ Was hätte ihre Mutter dazu gesagt? Das kann die Tochter nicht beantworten. Aber sie berichtet, dass die Leidenschaft ihrer Mutter fürs Theater ein Leben lang angehalten habe. Auch, nachdem sie nach ihrer Heirat 1954 Bremerhaven den Rücken gekehrt hatte, unter anderem in Fulda und schließlich in Nürnberg lebte.

Der Keim für dieses lebenslange Hobby wurde in den 1940er Jahren in der Theodor-Storm-Schule gelegt. „Unsere Mutter hat uns erzählt, dass es damals zum Schulbetrieb dazugehörte, dass die Klassen Theater-Abos besaßen“, sagt Astrid Röhling-Horn. „Dabei müssen meine Mutter und ihre Freundin Judith Krüger Feuer gefangen haben.“

Szenenbilder von Aufführungen wie dieser sowie Eintrittskarten klebte Jutta Gaudig sorgsam in ihr Theater-Album.

Szenenbilder von Aufführungen wie dieser sowie Eintrittskarten klebte Jutta Gaudig sorgsam in ihr Theater-Album.

Foto: Lammers

Auf Restkarten gehofft

Zwischen 1946 und 1949 seien die jungen Frauen so oft ins Theater gegangen, wie es nur möglich gewesen sei. „Im besten Backfisch-Alter also, wie man damals sagte.“ Astrid Röhling-Horn erzählt, dass ihre Mutter und jene Judith alles Geld, das sie auftreiben konnten, in Theaterkarten investierten. „Meine Mutter und ihre Freundin haben dabei an der Theaterkasse gewartet, bis dort die für die aktuelle Inszenierung übrig gebliebenen Karten zu einem vergünstigten Preis angeboten wurden.“

„Die Rose von Istanbul“, „Adieu, Mimi“ und „La Boheme“ – zu wie vielen Vorstellungen, sich die beiden Theaterliebhaberinnen auf diese Weise Eintrittskarten ermöglicht haben, steht nirgends. Aber dafür finden sich in dem Album auch Briefwechsel zwischen den beiden Frauen und ihrer gemeinsamen Lieblingsschauspielerin Ingrid Finnern. „Frau Finnern hat wohl auch in der Lutherstraße gelebt“, erzählt Astrid Röhling-Horn. „Das erkennt man an den Absendern einiger Briefe und Karten. Häufig sind Urlaubsgrüße dabei.“ Und natürlich Autogrammkarten der jungen Schauspielerin.

Wie ihre Bilder zeigen weitere in dem Album vorhandene Fotos der Schauspielerinnnen, dass zu der Zeit ein ganz anderes Schönheits-Ideal gegolten haben muss, als heute: „Die Frauen sahen insgesamt mondäner aus, inspiriert von den Hollywood-Stars der damaligen Zeit wie Rita Hayworth“, beschreibt Astrid Röhling-Horn.

Klassentreffen besucht

Viele Jahre pflegte Jutta Horn noch Kontakte zur Seestadt: „Zu den Klassentreffen reiste unsere Mutter stets von Nürnberg an, bis diese vor ungefähr zehn Jahren eingestellt wurden, weil es nicht mehr genug Teilnehmer gab.“

Als Jutta Horn im Dezember vergangenen Jahres verstarb, stießen ihre Töchter auf das Album. „Meine Schwester war tief berührt, als sie es fand“, sagt Astrid Röhling-Horn. „Wir waren uns sofort einig, dass es möglichst nach Bremerhaven zurückmuss.“ Eine Nachfrage bei der Pressestelle des Stadttheaters ergab den Kontakt zum Stadtarchiv. „Ich freue mich unglaublich, dass Sie diesen Weg für das Album gewählt und sich die Mühe gemacht haben, es an uns zu übergeben“, sagt dessen Leiterin Dr. Julia Kahleyß, als sie das Album in Empfang nimmt.

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