Hannelore Kuhse hat vor neun Jahren das Sorglos-Café gegründet. Ein Ort, an dem Suchtkranke sich austauschen und gegenseitig Halt geben können.

Hannelore Kuhse hat vor neun Jahren das Sorglos-Café gegründet. Ein Ort, an dem Suchtkranke sich austauschen und gegenseitig Halt geben können.

Foto: van Veenendaal

Hannelore Kuhse hat vor neun Jahren das Sorglos-Café gegründet. Ein Ort, an dem Suchtkranke sich austauschen und gegenseitig Halt geben können.

Heute

Im Hagener Sorglos-Café gibt es Hilfe, wenn die Sucht sich meldet

Wenn ihr Hund irgendwann einmal stirbt, dann werde sie wohl wieder mit dem Trinken anfangen, sagt Gisela Meyer*. Denn dann habe sie keinen Lebenssinn mehr. „Du spinnst wohl“, schimpft Hannelore Kuhse die 82-Jährige besorgt aus. „Das hast du bei deinem vorherigen Hund auch gesagt, und auch das hast du geschafft.“ Beide Frauen wissen, wie schwer es ist, dem Alkohol zu widerstehen. Und deshalb können sie sich gegenseitig Halt geben. Gisela Meyer kommt schon seit neun Jahren in das Sorglos-Café, das Hannelore Kuhse vor zehn Jahren gegründet hat.

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Es ist ein Ort, an dem Suchtkranke sich miteinander austauschen können. „Man kann dort über alle Probleme reden“, erzählt Gisela Meyer. Bei einigen Besuchern habe sich sogar eine Freundschaft entwickelt.

Als sie vor neun Jahren dazugestoßen sei, habe sie sich gleich wohl gefühlt – „wie in einer großen Familie“, meint sie. Man habe sofort offen sprechen können, weil alle ja das gleiche Problem hatten.

Entgiftungen und Langzeittherapien

Wobei: Das Offen-Sprechen habe sie zu dem Zeitpunkt schon gut beherrscht. Gelernt habe sie das in den vielen Gruppengesprächen ihrer zahlreichen Krankenhausaufenthalte. Rund 20 Mal sei sie dort schon zur Entgiftung gewesen. Hinzu kamen noch mehrere Langzeittherapien.

Wie es zu all dem gekommen ist? „Ich bin da so reingerutscht“, blickt sie zurück. Etwa mit Mitte 30 habe es angefangen. Obwohl sie die verführerische Wirkung des Alkohols eigentlich sogar schon als Kind kennengelernt hatte. So mit zehn Jahren durften ihre Freundin und sie probieren, wenn auf dem Dorf Rübenschnaps gebrannt wurde. „Wir sollten sagen, ob man schon den Alkohol schmeckt“, berichte Gisela Meyer. „Dieses tüdelige Gefühl im Kopf fand ich gut.“ Fortan sei sie dann des Öfteren zu Hause an den Schrank gegangen und habe heimlich vom Likör ihrer Eltern genascht. Als sie älter wurde, habe sie sich auf Schützenfesten betrunken. „Da habe ich richtig zugeschlagen. Bis sich alles drehte. Ich war breit und am nächsten Tag krank“, erzählt sie.

Rückfall nach dem Umzug

Doch als sie verheiratet war und schwanger wurde, habe sie keinen Alkohol mehr angerührt. Mit dem Umzug in einen anderen Ort fing jedoch alles wieder von vorne an. Eine Nachbarin sei zur Begrüßung mit einer Mischung vorbeigekommen. „Es ist dann zur Gewohnheit geworden, dass wir das gemeinsam tranken“, schildert sie. Wenig später sei sie dann auf Wodka und Whisky umgestiegen. Als ihr Mann irgendwann gefragt habe „Ist die Flasche schon leer?“, sei sie dazu übergegangen, den Alkohol zu verstecken. „Damit fing die Heimlichkeit an.“ Ein untrügliches Zeichen für eine Sucht.

Es hilft mir, den anderen zuzuhören. Manchmal erscheinen die eigenen Probleme dann nicht mehr so groß.
Hannelore Kuhse, Gründerin des Sorglos-Café‘s

Dann sei es immer schlimmer geworden. Sie habe bis zur Besinnungslosigkeit gezecht und in der Nacht Herzrasen bekommen, das nur mit drei Mischungen zu lindern gewesen sei. Eines Tages habe ihre Nichte sie dann zur Entgiftung ins Krankenhaus nach Debstedt geschickt. „Ich wollte vom Alkohol weg. Doch vier Wochen, nachdem ich zu Hause war, habe ich wieder angefangen“, erzählt sie. Man riet ihr zu einer Langzeittherapie. Drei Monate habe sie dort verbracht. Danach sei sie sogar zehn Jahre trocken gewesen. Bis ihr Mann starb. Der Teufelskreis aus Trinkphasen und Entgiftung begann von Neuem. Eine Tortur auch für ihre Kinder. Ihren letzten Rückfall hatte sie 2019 im Urlaub. „Weil du deine Tabletten vergessen hattest“, tadelt Hannelore Kuhse sie liebevoll. Seit sie leichte Antidepressiva bekomme, habe sie die Sucht einigermaßen im Griff, bestätigt auch Gisela Meyer. Die Treffen im Sorglos-Café täten natürlich ihr Übriges.

Treffen an jedem Montag

Jeden Montag ab 19 Uhr kommen hier Menschen mit Suchterfahrung zusammen, um ihre Erfahrungen zu teilen, sich Tipps zu geben oder sich gegenseitig zu helfen. Hier könne man seine Probleme teilen oder auch einfach nur zuhören, meint Kuhse. Wer möchte, könne auch eine Begleitung mitbringen. „Wir sehen das nicht so eng. Hier herrscht eine lockere Atmosphäre, sagt die 68-jährige Lehnstedterin. Sie selbst ist seit elf Jahren trocken. Die Gründung der Selbsthilfegruppe habe sie nie bereut. „Es hilft mir, den anderen zuzuhören. Manchmal erscheinen die eigenen Probleme dann nicht mehr so groß.“

*Name geändert

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