Verstehen sich gut: Marzena Byc und Horst Hüller.

Verstehen sich gut: Marzena Byc und Horst Hüller.

Foto: vee

Verstehen sich gut: Marzena Byc und Horst Hüller.

Heute

Job und Freizeit unter einem Dach

Vergnügt schütten Horst Hüller und Marzena Byc die Spielsteine auf den Gartentisch. Es ist 18 Uhr, Zeit für die tägliche Partie Rummikub. Seit Mai wohnt die 35-jährige Polin bei dem 82-jährigen Wulsdorfer, und betreut ihn im Auftrag des „Senioren Ankers“. Die Pflegeagentur versorgt deutschlandweit 300 Senioren, die Hälfte davon in Bremerhaven und umzu. Viele von ihnen sind zurzeit verunsichert.

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Grund dafür ist ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts. Ende Juni hat es entschieden, dass Betreuungskräfte, die in der häuslichen 24-Stunden-Pflege tätig sind, auch in den Bereitschaftszeiten Anspruch auf den Mindestlohn von 9,60 Euro haben.

„Wir bekommen täglich mehrere Anrufe von besorgten Kunden, die Angst haben und sich fragen, ob sie sich eine legale Betreuerin zukünftig überhaupt noch leisten können“, berichtet Beata Wandzioch, Inhaberin des „Senioren Ankers“. Diese Bedenken könne sie den Senioren und Angehörigen zum Glück schnell nehmen. „In unseren Verträgen gibt es ohnehin eine klare Begrenzung auf eine 40-Stunde-Woche“, erläutert die gebürtige Polin. Tätigkeiten, die darüber hinausgehen, müssten separat abgerechnet werden. „Das passiert aber nur unter der Voraussetzung, dass die Betreuungskraft sich nicht verausgabt“, betont Wandzioch. Auf das Wohl ihrer Mitarbeiterinnen – zu 98 Prozent sind es Frauen aus Osteuropa – müsse sie achten.

Beata Wandzioch, Inhaberin des „Senioren Ankers“.

Foto: van Veenendaal

Schließlich wohnen sie rund sechs bis acht Wochen unter einem Dach mit den Senioren. Dort können sie unter anderem im Haushalt helfen, bei der Körperpflege unterstützen und den älteren Herrschaften Gesellschaft leisten. Zeit für sich selbst gehöre ebenfalls dazu, bevor sie dann wieder etwa acht bis zwölf Wochen in ihr Heimatland reisen und in dieser Zeit von einer Kollegin abgelöst werden. „Auch Angehörige müssen akzeptieren, dass die Betreuerinnen Freizeit benötigen, dass Pausen und freie Tage unerlässlich sind“, unterstreicht sie. Sie wisse, dass die Bezeichnung „24-Stunden-Pflege“, mit der man in der Branche geworben habe, daher eigentlich unpassend sei. Man suche zurzeit nach einem treffenderen Slogan.

Versorgung über Pflegemix

In der Realität werden die Senioren ohnehin mithilfe eines Pflegemixes versorgt, den die Agentur-Mitarbeiterinnen zumeist gemeinsam mit Pflegediensten und Angehörigen bewerkstelligen.

Horst Hüller nutzt beispielsweise auch noch den Hausnotruf eines Pflegedienstes und trägt den Rufknopf als Kette um den Hals. Sein Sohn steht ebenfalls in engem Kontakt zu ihm und zur Pflegeagentur. Auf diese Weise sei gewährleistet, dass Marzena Byc ihre Freizeit genießen könne, und der 82-Jährige dennoch jederzeit abgesichert sei, erläutert Wandzioch.

Trotz dieser Regelungen wünscht sie sich vonseiten der Politik eine detailliertere Ausgestaltung. „Wir hängen irgendwie in der Luft“, meint sie. Es sei schwierig, immer genau festzustellen, wo die Grenze zwischen Arbeit, Freizeit und Bereitschaft liege. „Was herrscht vor, wenn man gemeinsam Kaffee trinkt, Kuchen isst, Fernsehen schaut oder spazieren geht?“, fragt sie. Würden alle Stunden mit dem Mindestlohn verrechnet, müssten Kunden für diese Form der häuslichen Pflege mindestens 6840 Euro zahlen. „Wer kann sich das denn leisten?“ Wandzioch vermutet, dass das Urteil ohne weitere politische Weichenstellung lediglich den Schwarzmarkt fördere. Sie wünscht sich klare Verhältnisse für ihre Branche.

Man könnte, so einer ihrer Vorschläge, die häusliche Versorgung in Teilen durch eine Pauschale abdecken – ähnlich wie es bei Pflegeeltern praktiziert werde. Ganz generell müsste zudem das Pflegegeld erhöht werden, das für die Pflege zu Hause gezahlt wird. Dieses falle viel geringer aus als bei einer Heimunterbringung.

Und das, obwohl die meisten Menschen, so Wandzioch, doch eigentlich so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben wollen.

So wie Horst Hüller. Nach dem Tod seiner Frau 2015 sei er sehr einsam gewesen, erzählt er. Und seit einem Beinbruch und Krankenhausaufenthalt 2017 ist er auf Hilfe angewiesen. Mit den Helferinnen vom „Senioren Anker“ kann er seinen Alltag nun wieder genießen. Er freut sich über die gemeinsamen Mahlzeiten, Einkaufsfahrten und Spaziergänge. Und über die Partie Rummikub – jeden Tag, pünktlich um 18 Uhr.

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