Jürgen Stock (links) und Gundolf Herder moderieren den Leseclub seit rund vier Jahren.

Jürgen Stock (links) und Gundolf Herder moderieren den Leseclub seit rund vier Jahren.

Foto: Van Veenendaal

Jürgen Stock (links) und Gundolf Herder moderieren den Leseclub seit rund vier Jahren.

Heute

Leseclub Bremerhaven: Eintauchen in andere Welten

Ob Klosterschüler im Mittelalter, ein Junge im Ruhrgebiet der 1960er Jahre oder eine Tanzpädagogin, die die Machtübernahme der Nazis erlebt – jeder Roman, den sich der Leseclub der Stadtbibliothek vornimmt, entführt die Teilnehmer in eine ganz eigene Welt. Einmal im Monat trifft sich die Gruppe, um über Bücher zu sprechen.

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Ein junger Student findet ein altes Notizbuch, das einst seiner Urgroßmutter gehörte. Es enthält bislang unbekannte Skizzen vieler Künstler – und ist ein Vermögen wert. Der Roman „Wenn Martha tanzt“ verwebt die Familiengeschichte einer Tanzpädagogin mit historischen Verweisen und der Entwicklung des Bauhaus-Architekturstils. Es ist das Buch, das der Leseclub, der seit rund zehn Jahren besteht, als letztes behandelt hat. Und wie so oft hat auch dieses Werk mit seinem thematischen Hintergrund die Lesenden in seinen Bann gezogen. Vor allem, wenn, wie in diesem Fall, auch noch ein zweiter Roman („Blaupause“) mit dem gleichen Schwerpunkt, nämlich Bauhaus, besprochen wird.

Interesse an historischem Hintergrund wird geweckt

„Man taucht automatisch in eine andere Zeit und in das behandelte Thema ein“, berichtet Jürgen Stock, der den Club seit rund vier Jahren zusammen mit Gundolf Herder moderiert. „Wir haben plötzlich großes Interesse an Walter Gropius, dem Begründer des Bauhaus-Stils, entwickelt. Was hat er gebaut? Was war er für ein Mensch?“, skizzieren Herder und Stock die Fragen, mit denen sich beide daraufhin beschäftigt haben. Dieses durch die Romane hervorgerufene Interesse an speziellen Personen, Epochen und Materien sei eine regelmäßige Begleiterscheinung des Lesens. „Mir gefiel auch ,Der Junge muss an die frische Luft‘ von Hape Kerkeling sehr gut, weil ich mich in das Deutschland der 1960er Jahre zurückversetzt fühlte“, sagt Stock. Herder hingegen ließ sich besonders vom Buch „Seide“, das sich mit der Seidenproduktion Mitte des 19. Jahrhunderts in Südfrankreich beschäftigt, in eine komplett andere Welt entführen.

Weil jedes Werk die Besucher des Leseclubs stets auch neugierig auf den Hintergrund der Erzählung macht, sei nun sogar eine neue Rubrik eingeführt worden, sagen Stock und Herder. „Bevor wir das Buch, das wir alle gelesen haben, besprechen, halte ich einen Vortrag über den Hintergrund der Geschichte“, kündigt Stock an.

Eigene Sichtweise verändern

Einen Monat haben die Teilnehmer in der Regel Zeit, sich mit dem jeweiligen Werk zu beschäftigen. Die Treffen finden an jedem ersten Donnerstag um 17 Uhr für etwa eineinhalb Stunden im Vortragssaal der Bücherei statt. „Jeder kann dabei ein Buch vorstellen. Dann einigen wir uns auf einen Roman und lesen ihn alle zu Hause“, beschreibt Herder die Vorgehensweise. Bedingung: Es müsse aus Kostengründen ein Taschenbuch sein. Außerdem drehe sich alles um Unterhaltungsliteratur und nicht um Sachbücher.

Bei der nächsten Zusammenkunft tausche man sich dann über die Lektüre aus. „Dabei herrscht eine wirklich gute Atmosphäre“, finden beide. „Es ist lebhaft, aber wir streiten uns nicht, wenn wir anderer Meinung sind“, sagt Herder.

Andere Blickwinkel helfen

„Wir lassen uns ausreden, hören einander wirklich zu. Es ist keinesfalls so, dass jeder nur darauf wartet, seinen eigenen Redebeitrag loszuwerden“, meint Stock. Auf diese Weise sei es auch möglich, die eigene Sichtweise zu verändern, findet Herder. „Manchmal mag man ein Buch zunächst gar nicht. Doch dann redet man darüber und sieht Sachen, die einem vorher nicht aufgefallen sind“, schildert er.

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