Der stellvertretende Gartenbauamtsleiter Kester Kirchwehm (links) und Dezernent Dr. Ulf Eversberg präsentieren eine Wildkräuterfläche an der Wurster Straße.

Der stellvertretende Gartenbauamtsleiter Kester Kirchwehm (links) und Dezernent Dr. Ulf Eversberg präsentieren eine Wildkräuterfläche an der Wurster Straße.

Foto: Lammers

Der stellvertretende Gartenbauamtsleiter Kester Kirchwehm (links) und Dezernent Dr. Ulf Eversberg präsentieren eine Wildkräuterfläche an der Wurster Straße.

Heute

Natürliche Insekten-Büfetts

Das Wort Unkraut hört Thomas Reinicke gar nicht gern. „Wildkräuter. Das Wort trifft es besser“, findet der Leiter des Gartenbauamtes. Brennnesseln, Löwenzahn und Co. hätten ihr schlechtes Image völlig unverdient. Sie seien Hüter biologischer Vielfalt. Unverzichtbar, wenn es darum gehe, den Artenschwund zu stoppen. Für das Gartenbauamt Grund genug, den Wildkräutern Raum zu geben.

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Asphalt, Autos, Lärm – die Wurster Straße entspricht nicht gerade dem, was man im Allgemeinen für eine Oase der Insekten-Glückseligkeit halten würde. Und doch: In den Seitenstreifen krabbelt, brummt und summt es vielerorts. Ein Zitronenfalter lässt sich auf dem lange Zeit als Unkraut geschmähten und bekämpften Gundermann nieder. In dem satten Grün am Straßenrand leuchten nur wenige Meter weiter sonnengelbe Sumpfdotterblumen. Die Samen vom Löwenzahn, oder auch „Pusteblumen“ schweben durch die Luft, landen dicht zwischen Gänseblümchen und Vogelmiere.

Pflanzen dienen vielfach als Nahrungsquellen

Gemein sind all diesen Pflanzen insbesondere zwei Dinge: Bei einer Vielzahl von Menschen standen sie lange Zeit als „Unkraut“ nicht besonders hoch im Kurs. Bei den allermeisten Insekten, wie Schmetterlingen, Bienen und Hummeln wegen ihres Nektars dafür umso mehr. Vielerorts jahrzehntelang konsequent bekämpft, fielen sie als Nahrungsquelle für Insekten mehr und mehr flach. Eine Tatsache, die wiederum dazu führte, dass das Büfett für Vögel und Kleinstwildtiere wie Igel immer spärlicher bestückt war.

„Keine Biodiversität bedeutet Artenschwund“, bringt es der Dezernent des Gartenbauamtes, Dr. Ulf Eversberg auf den Punkt. „Jede dieser Pflanzen ist für eine bestimmte heimische Insektenart existenziell wichtig“, erläutert Kester Kirchwehm, stellvertretender Leiter des Gartenbauamtes, warum das Gartenbauamt an verschiedenen Orten in der Stadt unterdessen darauf verzichtet, dem Wildkräuter-Wuchs radikal mit dem Mäher zu Leibe zu rücken. Und so darf zum Beispiel die Brennnessel jetzt unter anderem an einer bestimmten Stelle auf dem Spadener Friedhof wachsen. Der Falter Brauner Bär freut sich darüber. Ähnlich von einer Vielzahl von Insekten geliebt, werde die Distel, sagt Kirchwehm.

Seit einiger Zeit ist unter anderem die Wurster Straße also zu einer Art Testfeld für die naturschutzbewussten Mitarbeiter des Gartenbauamtes geworden. „Wir lassen hier und an verschiedenen anderen Orten in der Seestadt die natürlichen Pflanzen wachsen. Auf diesen Flächen entwickeln sich die unterschiedlichsten Arten einheimischer Pflanzen“, erklärt Kirchwehm den Hintergrund. „Hier zum Beispiel haben sich in diesem Jahr – auf einem Quadratmeter Fläche – drei verschiedene Arten entwickelt.“ Und mit den Pflanzen viele Insekten.

„Es ist wichtig, dass wir auch in den Städten aktiv werden“, sagt Eversberg. Nicht jeder Rasen müsse wie ein Golfplatz aussehen. Für die Pflanzen- und Tierwelt sei es wichtig, dass auch etwas stehen bleiben dürfe. „Natürlich nur soweit die Verkehrssicherheit der Anwohner gegeben ist“, ergänzt Kirchwehm.

Projekt noch in Testphase

Das gesamte Projekt sei noch in der Testphase. Bei vielen Bürgern müsse mit dem Grün noch ein Verständnis für die Hintergründe wachsen, heißt es vonseiten des Gartenbauamtes.

Zum Beispiel auch dafür, warum das Wiesen-Ambiente gegenüber dem Golfrasen-Look weitere Vorteile für die Natur mit sich bringt. „Löcher im Gras werden nicht sofort aufgefüllt, sondern dürfen als Erdhügel bleiben“, erzählt Eversberg: „Das ist wichtig für Hummeln und Wildbienen, die für Ihren Nestbau dringend Erd- oder Sandhaufen benötigen. Die finden sie aktuell gerade an der Stresemann-Straße. Dort durften sich Maulwürfe austoben. Ihre Erdhaufen seien hervorragende „Appartements“ für Hummeln und Wildbienen, berichtet Kirchwehm.

Auf die Vorzüge vieler heimischer Wildkräuter fliegen übrigens nicht nur Insekten. Auch Menschen setzen auf die geschmacklichen und gesundheitsfördernden Aspekte von vermeintlichen „Unkräutern“ wie Giersch, Brennnesseln, Knoblauchrauke, Bärlauch, Sauerampfer und Weißdorn, die unter anderem in der Nähe des Bootsteiches in Speckenbüttel wachsen und gedeihen. „Es gibt Vermutungen, dass diese Kräuter in vergangenen Zeiten gezielt von Menschen für den Verzehr angepflanzt wurden und später verwilderten“, sagt Biologe Eversberg. Bewiesen sei das allerdings noch nicht.

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