Dr. Julia Kahleyß zeigt Interessierten, wie sich alte Schriften entziffern lassen.

Dr. Julia Kahleyß zeigt Interessierten, wie sich alte Schriften entziffern lassen.

Foto: Andrea Lammers

Dr. Julia Kahleyß zeigt Interessierten, wie sich alte Schriften entziffern lassen.

Heute

Stadtarchiv: Lange verborgene Schätze erzählen Familiengeschichte

Vorsichtig, ganz vorsichtig zieht Dr. Julia Kahleyß die alte Postkarte aus einem zerfledderten Umschlag. Eingehend betrachtet die Leiterin des Stadtarchivs die Karte. Das Motiv zeigt zwei Soldaten in einem Kampfflugzeug der Wehrmacht. Für jedermann unschwer zu erkennen. Was der Soldat jedoch dereinst in dieser Feldpost an seine Lieben schrieb, dürfte für die meisten heutigen Leser ein Geheimnis bleiben. Nicht so für Julia Kahleyß. Sie kann die altdeutschen Schriftarten entziffern.

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Und das ist zuweilen ganz schön kompliziert. Denn in alten Schriftstücken wie auf dieser Postkarte beispielsweise finden sich Schriften, mit denen all jene, die ab Beginn der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Schulbank drückten, nicht mehr viel anzufangen wissen dürften.

„In der Zeit zwischen 1915 und 1942 wurde in preußischen und später auch in allen deutschen Schulen die Sütterlinschrift gelehrt“, erzählt die Historikerin. „Das war eine Kunstschrift, die Ludwig Sütterlin 1911 entwickelte. Sie bestand aus geraden aufgerichteten Buchstaben.“ Mit ihrer Hilfe sollte das Lesen in Deutschland vereinfacht werden. Denn bis zu ihrer Einführung hatte sich ein ziemliches Kuddelmuddel von diversen Schriftarten aus verschiedenen Jahrhunderten entwickelt.

Üblich waren bis dahin eine Mischung beispielsweise aus der deutschen, stark nach rechts geneigten Kurrent-Schrift, Überbleibsel der einst in ganz Europa verwendeten gotischen Schrift, und der heute üblichen Antigua, die ihre Ursprünge in der Antike hat. „Das Ganze wurde im 19. Jahrhundert immer unleserlicher. Deswegen und um den Kindern das Schreiben zu erleichtern, kam dann 1911 die Entwicklung des Sütterlin.“

Julia Kahleyß hält die vergilbte Feldpostkarte ins Licht. „Der Schreiber dieser Karte hat in Kurrent geschrieben“, stellt sie fest. Entsprechend unleserlich ist das Schriftbild. Für die Historikerin ist deren Inhalt dennoch nichts, was im Verborgenen bleiben müsste: „Hier findet sich bereits die Feldpost-Nummer. Sie wurde verwendet, damit der Standort der Wehrmachtseinheiten nicht nachvollziehbar war“, beginnt sie mit der Deutung des Dokumentes.

Soldat schreibt dem Sohn

Darin schreibt ein Soldat an seinen Sohn. Er erklärt dem Jungen das auf der Karte abgebildete Szenario, rät ihm, sich in der Schule tüchtig anzustrengen, auf die kleinen Geschwister aufzupassen und die Mutti nicht zu ärgern. Die Karte ist eine von einer Vielzahl ihrer Art, die Jahrzehnte lang unbeachtet in einer Kommode lagen. „Lieber Junge, die besten Glückwünsche zum Geburtstag sendet Dir Dein Papi. Sei nicht mürrisch, dass Papi Dir nichts schicken kann. Wenn der Krieg vorbei ist, bekommst Du Dein Geschenk nachträglich“, verspricht der Vater auf einer weiteren Karte. Doch das Ende des Krieges erlebte der Soldat nicht mehr.

Ein kleiner Schatz Familiengeschichte. Und gleichzeitig Kulturgut, wie die Historikerin betont. „In alten Dokumenten, Schriftstücken findet sich häufig eine Menge lokaler Kulturgeschichte, die es wert ist, erhalten zu werden.“ Das passiere jedoch häufig nicht, weil derartige Inhalte vermutlich vielmals nicht als solche erkannt und dann entsorgt würden. Vielleicht aber auch, weil Angehörige diese Schriftstücke für wertlos hielten, wenn sie sie nicht lesen könnten.

Kurse im Entziffern

An dieser Stelle leistet das Stadtarchiv Schützenhilfe: „In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule bieten wir Kurse im Entziffern alter Schriften wie Sütterlin an“, sagt Julia Kahleyß. Eine Mischung aus Detektiv- und Sisyphus-Arbeit. Oberste Prämisse dabei: „Geduld haben und es immer wieder versuchen.“ Wer weniger Wert auf das Entziffern des Nachlasses, dafür aber auf den Schutz dieses Kulturgutes legt, ist im Stadtarchiv herzlich willkommen: „Ich würde mir sehr wünschen, dass viele Leute umsichtig auf Funde aus Nachlässen reagierten, etwa indem sie ihn uns zu Forschungszwecken zur Verfügung stellten.“

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