Stadtarchiv-Leiterin Dr. Julia Kahleyß findet in den Geburtenbücher Hinweise auf die Namens-Vorlieben vergangener Zeiten.

Stadtarchiv-Leiterin Dr. Julia Kahleyß findet in den Geburtenbücher Hinweise auf die Namens-Vorlieben vergangener Zeiten.

Foto: Andrea Lammers

Stadtarchiv-Leiterin Dr. Julia Kahleyß findet in den Geburtenbücher Hinweise auf die Namens-Vorlieben vergangener Zeiten.

Heute

Warum die Namen Mila und Noah in Bremerhaven so beliebt sind

Mila und Noah sind das Namenstraumpaar 2021. Diese Vornamen wurden im vergangenen Jahr in der Seestadt am häufigsten vergeben. Dafür dürften die weichen Endungen verantwortlich sein, vermutet Dr. Julia Kahleyß. Der Klang war längst nicht zu allen Zeiten das Motiv bei der Namenswahl, weiß die Leiterin des Stadtarchives.

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Säuberlich mit Tinte in Schönschrift geschrieben, zeugen in dicke Einbände geklebte Blätter von der Ankunft neuer Erdenbürger. Die dort Erwähnten dürften ihre Erdenreise mittlerweile jedoch wieder beendet haben. „Die Geburtenbücher werden 100 Jahre im Standesamt aufgehoben und dann bei uns eingelagert“, sagt Julia Kahleyß.

Die Historikerin schlägt eine Seite auf. Dort wird die Geburt eines Kindes mit dem Namen Julius dokumentiert. Am 6. Dezember 1907. „Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es Trend, die Namen zu individualisieren“, erzählt Kahleyß. Bis dahin hätten häufig die Paten ihren Namen beigesteuert. „Und dabei war es egal, ob die kleine Dorothea später mit fünf Weiteren in einer Klasse sitzen würde.“

Justus und Agnes stammen aus dem Bildungsbürgertum

Mit dem Trend zur Individualisierung hätten sich vor allem die Vertreter des Bildungsbürgertums von der Masse abgrenzen wollen. „Da wurde gern auf klassisch-humanistische Namen zurückgegriffen.“ Die Kinder dieser Schicht hörten etwa auf Justus, Eugen, Agnes, Amalie und Julius, nennt Julia Kahleyß einige Beispiele. Gut möglich also, dass der kleine Julius, der am 6. Dezember 1907 in der Langen Straße das Licht der Welt erblickte, ins Bildungsbürgertum geboren wurde.

Manche Eltern setzten mit der Namensgebung aber auch bedeutenden Persönlichkeiten ein Denkmal. „Otto von Bismark, Kaiser Wilhelm, der Alte Fritz, Königin Luise – sie alle waren Inspiration bei der Namenswahl“, sagt Julia Kahleyß. „Als Bekenntnis zu Preußen beispielsweise.“

Apropos Preußen: „Es wäre mal interessant, anhand der Geburtenbücher zu erforschen, inwieweit das Preußentum im Alten Lehe und Geestemünde relevant gewesen sein könnte“, findet die Historikerin. „Diese Stadtteile des heutigen Bremerhaven gehörten nämlich zum Königreich Hannover und waren alsdann preußisch, während Mitte und die Häfen bremisch waren.“ Gab es in Lehe und Geestemünde also mehr Kinder, die Wilhelm, Fritz oder Friedrich hießen als in den anderen Teilen des heutigen Bremerhavens? „Das wäre Stoff für eine Forschungsarbeit“, findet Julia Kahleys, deren Tochter übrigens Luise heißt – aber ebenso wenig wie die anderen kleinen Luises, Wilhelms, Fritze und Ottos, die heute verstärkt wieder in Schulen und Kindertagesstätten anzutreffen sind, wegen ihrer dereinst berühmten Namensvetter. Sondern: „Ich glaube, dass es heute bei vielen Menschen eine Sehnsucht nach Kontinuität gibt, nach dem Gefühl, Bestandteil eines großen Ganzen zu sein“, deutet sie das Comeback der historischen Namen.

Warum manche Namen wohl kein Comeback feiern werden

Ob der in den 1930er und 1940er Jahren überaus beliebte Horst ein Comeback haben wird, weiß sie nicht. Aber: „Adolf Hitler wollte nicht als Leitfigur für Namensgebung dienen, weil er wohl befürchtete, dass es dabei zu Lächerlichmachungen kommen könnte. So scheiterte der Versuch, ein Mädchen Hitlerine zu nennen.“ Schließlich griffen viele der nationalsozialistisch gesinnten Deutschen dann wohl auf den Schöpfer des Horst-Wessel-Liedes zurück, wenn es um die Namensauswahl ging.

„Und es ging oft auch um Abgrenzung. Wie bei dem Namen Julius zum Beispiel, mit dem sich das Bildungsbürgertum vom Rest absetzen wollte.“ Das ist übrigens heute noch so, weiß die Sprachwissenschaftlerin bei der Gesellschaft für deutsche Sprache, Frauke Rüdebusch. Auch aktuell seien Juliusse vor allem dort zu finden.

Dass die Beliebtheit eines Vornamens nach wie vor etwas über die Gesellschaft aussagt, in der er präferiert wird, liegt auch bei dem aktuell so beliebten Noah nahe: „Mit seiner weichen Endung ist Noah recht androgyn“, sagt Frauke Rüdebusch. Ein Indiz dafür, dass die Geschlechter-Identität keine so große Rolle mehr spielt? „Das ist möglich, aber nicht bewiesen“, so die Wissenschaftlerin. Auf jeden Fall stehe fest, dass es vielen Eltern heute auf den Wohlklang des Namens ankäme. „Da sind Mila und Noah typisch. Kurz und mit vielen hellen Vokalen.“ Aber auch das sei ein vorübergehender Trend. „Das ist wie in der Mode. Nur dass die Trends bei den Namen länger anhalten, zumeist Jahrzehnte.“

Generell hätten die Eltern von heute durch die Globalisierung und eines nicht mehr so strengen Namensrechtes viel mehr Auswahl. „Pro Jahrgang werden heute 65.000 verschiedene Namen vergeben.“ Damit dürfte die Clusterbildung wie beispielsweise bei den unzähligen Anjas, Susannes, Stefans und Thomassen aus den 1960er Jahren der Geschichte angehören.

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