Bitter: Theodor Gebre Selassie verabschiedet sich mit dem Abstieg vom SV Werder Bremen.

Bitter: Theodor Gebre Selassie verabschiedet sich mit dem Abstieg vom SV Werder Bremen.

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Bitter: Theodor Gebre Selassie verabschiedet sich mit dem Abstieg vom SV Werder Bremen.

Heute

Wer ist Schuld am Abstieg des SV Werder?

Die Tränen dürften inzwischen zwar getrocknet sein, die Enttäuschung ist aber sicher noch da – genauso wie diese eine Frage: Wer trägt die Schuld am ersten Abstieg des SV Werder Bremen nach 41 Jahren? Einer allein ganz sicher nicht. Die DeichStube hat vier Bereiche genauer unter die Lupe genommen.

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Die Mannschaft

Als Frank Baumann direkt danach das ganze Drama erklären sollte, da konnte und wollte sich der Sportchef diesen Satz nicht mehr verkneifen: „Ich kann die Tore ja nicht selbst schießen.“ Am Samstag bei der 2:4-Pleite gegen Mönchengladbach galt das vor allem für Davie Selke und dessen Riesenchance zum 1:1. Doch auch dessen Kollegen hatten mal wieder wie in den vergangenen Wochen mit Toren gegeizt.

Und auch hinten stand Werder Bremen längst nicht mehr so sicher wie noch in der Hinrunde. Eigentore und Slapstick prägten das Bild. Kaum ein Profi hat noch Normalform erreicht, geschweige denn Top-Niveau. Dabei sind so manche Nationalspieler im Team – oder welche, die es mal waren oder werden wollen. Und mit Kaderkosten von fast 50 Millionen Euro rangiert Werder gewiss nicht auf einem Abstiegsplatz.

Bezeichnend: Werder-Angreifer Davie Selke scheitert völlig frei aus wenigen Metern am eigentlich schon geschlagenen Keeper Yann Sommer.

Bezeichnend: Werder-Angreifer Davie Selke scheitert völlig frei aus wenigen Metern am eigentlich schon geschlagenen Keeper Yann Sommer.

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Die Identifikation mit dem Club hielt sich auch in Grenzen, mit einem Gehaltsverzicht in der Coronakrise taten sich die Profis schwer. Bis Ende des Jahres verzichteten sie wenigstens auf zehn Prozent, dann auf gar nichts mehr. In den letzten Tagen gab es innerhalb der Mannschaft angeblich auch Stress, und die Anfeuerung der Reservisten von der Tribüne aus war ausgerechnet während des letzten Spiels so leise wie selten zuvor.

Die Trainer

Thomas Schaaf hat alles gegeben, aber seine altehrwürdige Raute und seine Schreie bis zur Heiserkeit reichten nicht aus. Es wäre auch ein kleines Wunder gewesen, wenn er in nur einem Spiel eine ganze Saison repariert hätte. In der Verantwortung steht da ganz klar Florian Kohfeldt, der Trainer der ersten 33 Spieltage.

Feuerwehrmann Thomas Schaaf konnte das Ruder nicht mehr herumreißen.

Feuerwehrmann Thomas Schaaf konnte das Ruder nicht mehr herumreißen.

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Nach dem Fast-Abstieg sollte er Werder Bremen stabil in der Liga halten, wonach es lange Zeit aussah und was mit diesem Kader ohne ligatauglichem defensiven Mittelfeld durchaus bemerkenswert war. Doch nach dem Sieg in Bielefeld konnte sich der Coach bei elf Punkten Vorsprung und nur noch zehn ausstehenden Spielen nicht mehr zurückhalten.

Ex-Coach Florian Kohfeldt wurde nach dem 33. Spieltag entlassen.

Ex-Coach Florian Kohfeldt wurde nach dem 33. Spieltag entlassen.

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Er öffnete die Rüstung, die er sich und seiner Mannschaft aufgezwängt hatte. Werder sollte nun endlich wieder Fußball spielen und nicht nur die Punkte erarbeiten. Dieser Pragmatismuss hatte Werder in der Tabelle zwar in Sicherheit gebracht, aber auch viel Kritik für unansehnlichen Fußball beschert. Das nervte den Coach. Er hatte wider seiner Überzeugung agiert. So etwas geht selten gut.

Als das Team dann immer tiefer in die Negativspirale geriet, fand Kohfeldt keine Lösung mehr – und das übrigens mit Spielern, die er zum größten Teil selbst haben wollte. Der Trainer hätte schon früher als vor dem letzten Spieltag gehen müssen.

Die Geschäftsführung

Die sportliche Verantwortung trägt in dem Dreier-Gremium Frank Baumann. Aber dahinter dürfen sich Klaus Filbry und Hubertus Hess-Grunewald nicht verstecken, sie entscheiden schließlich mit. Das Trio hat sich verzockt, als es im Sommer 2019 Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt verpflichtete und mit Transfererlösen ein Jahr später bezahlen wollte. Die gab es wegen des Fast-Abstiegs und der Coronakrise nämlich nicht.

Auch deshalb geriet Werder Bremen in finanzielle Schieflage, musste Spieler ziehen lassen, um Geld zu sparen, und konnte fast keine neuen holen. Dabei fehlte auch noch die Kreativität und das gute Auge, um echte Schnäppchen zu machen. Tahith Chong hätte so eines sein können, doch die Leihgabe von Manchester United war eigentlich nur schnell – vor allem im Winter schnell wieder weg.

Viel Kritik richtet sich gegen Sportchef Frank Baumann.

Viel Kritik richtet sich gegen Sportchef Frank Baumann.

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Bei dem Niederländer passte so vieles nicht, was nicht gerade für ein optimales Scouting spricht. Ein Bereich, den natürlich Baumann, aber auch Clemens Fritz mit seinem Team verantwortet. Ihnen wird von Beratern nachgesagt, oft zu langsam zu agieren. Im Januar wurde dann gänzlich auf Neuzugänge verzichtet. Begründung: Kein Geld – wegen Corona sei nicht mal mehr nur ein Gehalt zu stemmen gewesen. Sportlich sollte sich das böse rächen.

Der Aufsichtsrat

Das sechsköpfige Gremium soll vor allen Dingen eines machen: kontrollieren. Doch Marco Bode und Co. ließen die Geschäftsführung gewähren, nicht nur beim Toprak/Bittencourt-Zukunftspoker. Sie gingen auch den Weg mit, auf erfahrene Profis (Füllkrug, Osako, Bittencourt, Toprak, Selke) zu setzen und dafür viel Geld auszugeben, obwohl diese Spieler teilweise schon dicke Krankenakten besaßen. Der Wiederverkaufswert ist gleich null. Und wo sind die Mehrwertspieler, die Werder Bremen die schon immer so dringend benötigten Transfereinnahmen bescheren?

Marco Bode, Aufsichtsratschef von Werder Bremen, muss nun über die Zukunft von Frank Baumann entscheiden.

Marco Bode, Aufsichtsratschef von Werder Bremen, muss nun über die Zukunft von Frank Baumann entscheiden.

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Im Aufsichtsrat soll zwar stets kontrovers diskutiert worden sein, aber am Ende setzte sich Bode durch. Und der hoffte wie Baumann auf eine Kohfeldt-Ära im Stile von Otto Rehhagel und Thomas Schaaf. Das gipfelte in der unwürdig langen Diskussion über die Zukunft des Trainers nach der Pleite bei Union Berlin. Auch der Aufsichtsrat hat die akute Abstiegsgefahr viel zu spät erkannt – und muss sich zudem fragen lassen, warum er vor gut einem Jahr nach dem Fast-Abstieg dem berühmten „Nicht weiter so“ mit dem allerdings selben Personal zugestimmt hat.

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