Ein wütendes Paar sitzt auf dem Sofa, das Corona-Virus dazwischen.

In Beziehungen kommt es auch aufgrund der Corona-Pandemie nicht selten zum Streit. Ist uns der Mensch jedoch wichtig, lohnt es sich, den Konflikt anzugehen.

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In Beziehungen kommt es auch aufgrund der Corona-Pandemie nicht selten zum Streit. Ist uns der Mensch jedoch wichtig, lohnt es sich, den Konflikt anzugehen.

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Wie uns Gespräche gelingen, die wir nicht führen wollen

Ob im Privaten wie im Beruflichen, alle können erfolgreich kommunizieren und sich dabei sogar selbst treu bleiben, meint die Kommunikationsexpertin Isabel García. Mit ihrem neuen Buch „Wie sage ich eigentlich ...“ verrät sie Tipps und Tricks, mit denen wir unseren eigenen Werkzeugkasten für Konfliktgespräche füllen können. Einige von diesen verrät sie im Interview mit Julia Anders.

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Frau García, was ist für Sie die goldene Regel der Kommunikation? Bei sich selbst anzufangen und nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Es geht mir nicht um einen Optimierungswahn. Sondern darum, aus der Opferrolle herauszukommen. Wenn die andere Person tatsächlich schuld ist, bin ich ja in der Opferrolle. Dann kann ich nichts dagegen tun. Wenn ich aber zu 100 Prozent Selbstverantwortung für meine Launen, für meine Seite der Gesprächsführung übernehme, dann bin ich in einer aktiven Rolle und kein Opfer. Da gebe ich dann alles, was ich geben kann.

Wie sieht das konkret aus? Als ersten Schritt überlege ich mir, wie wichtig mir diese Person ist. Bei einer fremden Person auf der Straße hole ich dann eher meinen Joker der Zustimmung heraus. Da stimme ich einfach zu. Wenn zum Beispiel jemand sagt „doofe Corona-Regeln“, dann sage ich einfach „jupp“ und gehe weiter. Und wenn mir jemand sagt: „Mensch, Sie haben aber zugenommen“, sage ich: „Ja habe ich“, selbst wenn ich es nicht habe. Das ist mir dann vollkommen egal.

Dagegen zu argumentieren, das bringt wenig. Ich überlege mir, wie diese Person auf ihre Meinung kommt.
Isabel García

Und wenn die Person Ihnen wichtig ist? Dann spiele ich mein Ego herunter und schaue mir die Perspektive des anderen an. Wenn jemand etwa die Corona-Regeln doof findet und die andere Person nicht, finden beide Quellen, mit denen sie ihre Meinung belegen können, absurderweise manchmal sogar die gleichen. Jeder und jede hat eine eigene Meinung. Dagegen zu argumentieren, das bringt wenig. Ich überlege mir, wie diese Person auf ihre Meinung kommt. Also weg von „ich habe recht, der liegt falsch, der ist doof“. Ich lasse mich wirklich darauf ein, was die andere Seite denkt. Das ist die Herausforderung.

Sie schreiben in Ihrem Buch von Gesprächen, die man eigentlich nicht führen möchte. Nun könnte man einen Konflikt auch einfach oberflächlich ignorieren. Warum sollte man schwierige Gespräche trotzdem führen? Damit es eben nicht oberflächlich bleibt. Wir alle sind Rudeltiere und sehnen uns bis zu einem gewissen Grad nach Nähe, Liebe, Zugehörigkeit. Die wenigsten Menschen sind Einsiedler. Diese Verbundenheit bekommen wir nicht über das Oberflächliche.

Stellen wir uns vor, wir haben einen Nachbarn, den wir eigentlich ganz gernhaben. Nun haben wir ihn aber schon mehrmals dabei erwischt, wie der seinen Müll in unsere Mülltonne wirft, haben aber keine Lust auf einen Nachbarschaftsstreit. Wie gehen wir das an? Als Erstes: Unschuldsvermutung! Ich gehe davon aus, dass es einen Grund gibt, den ich erst einmal nicht erkenne. Vielleicht ist seine Tonne ja einfach viel schneller voll und er dachte sich, dass es niemanden stört, wenn er die leere Tonne daneben nutzt, vor allem wenn am nächsten Tag eh die Müllabfuhr kommt. Ich trenne also das Verhalten vom Menschen an sich. Wenn ich mich neugierig darauf konzentriere, dass es grad nicht um den Menschen geht, sondern um sein Verhalten, bin ich schon weniger auf dem Pfad: „Du bist doof, weil du den Müll bei mir reinwirfst.“ Mit dieser Trennung im Kopf atme ich tief durch und gehe das Ganze neugierig an. Also: „Mann, ist das spannend, der hat seinen Müll schon wieder bei mir reingetan. Warum macht er das?“

Wie sieht das konkret aus? Ich sage dann zu Helmut, so heißt mein Nachbar: „Moin, ich habe das Gefühl, dass dein Müll immer wieder bei mir in der Tonne landet, weißt du irgendwas darüber?“ Und eben nicht: „Du hast deinen Müll bei mir reingelegt“, was eher wie ein Angriff klingt und vermutlich sofort mit einem „Nö“ beantwortet werden würde. Nach meiner Frage rede ich immer so weiter, um erst einmal diese Beziehungsebene aufzubauen. Vielleicht wusste er ja gar nicht, dass ihn jemand dabei beobachtet. Irgendwann kann ich dann etwas direkter werden, etwa so: „Ich war der Meinung, dass ich dich dabei gesehen habe.“ Diese Ich-Botschaften führen dazu, dass ich im Gespräch bleibe und er immer noch sein Gesicht wahren kann.

Das Verhalten vom Menschen trennen, ruhig mit ihm reden und nicht meine ganze Wut bei ihm abladen. Die Wut kann ich beim Sport loswerden. Oder ich schreie einen Baum an.
Isabel García

Und wenn Helmut vollends abblockt? Dann vielleicht später noch mal auf ihn zugehen, falls er es wieder tut. Es kann allerdings auch sein, dass er sich durch das vorherige Gespräch ertappt fühlt und es jetzt sein lässt. Wenn nicht, kann ich ihn zum Beispiel fragen: „Mensch Helmut, das passiert schon wieder, können wir uns vielleicht gemeinsam eine Strategie überlegen, wie bei mir nicht so viel Müll drin landet?“ Klar kann ich ihn auch klarer ansprechen. Nur es bringt wenig, wenn ich sage: „Du Hammel packst deinen Müll immer bei mir rein.“ Der Hammel wird dann eher die Tür zuknallen. Also: Das Verhalten vom Menschen trennen, ruhig mit ihm reden und nicht meine ganze Wut bei ihm abladen. Die Wut kann ich beim Sport loswerden. Oder ich schreie einen Baum an. O.k., der arme Baum. Aber immerhin erwischt sie den Menschen nicht.

Konflikte finden nicht nur am Gartenzaun statt, sondern auch mal digital in Chats. Stellen wir uns vor, wir haben unserer Freundin eine Nachricht geschrieben, und jetzt lässt die sich ewig Zeit mit ihrer Antwort, und das regt uns richtig auf. Welchen Tipp haben Sie für so eine Situation? Also erst mal würde ich mich selbst fragen, warum mich das jetzt so aufregt. Dann arbeite ich sehr gerne mit dem Wort „noch“. Also: „Noch rege ich mich darüber auf. Noch bin ich traurig.“ Die Wut ist also zeitlich begrenzt. Und wenn ich dann wieder ruhig bin, rufe ich sie an und mache in einem ruhigen Ton deutlich, dass ich mir eine Antwort wünsche. Wenn dieser Wunsch von der Freundin abgelehnt wird, kann ich sie darum bitten, gemeinsam einen Kompromiss zu finden. Dabei gilt: Keine hat die Wahrheit gepachtet, keine hat recht. Beide Meinungen sind also gleich viel wert, wie auf einer Waage. Jede hat recht in ihrem Denksystem. Und auch hier wieder: Mensch vom Verhalten trennen. Sie hat mich als Menschen gern, mag aber nicht so häufig am Handy sein.

Wie können wir generell sicherer im Umgang mit Konflikten werden? Das kann jeder machen, indem er zum Beispiel mit einem Diktiergerät aufnimmt, was er in einem entspannten, privaten Gespräch gesagt hat. Aber natürlich nur die eigenen Worte, Datenschutz lässt grüßen. Und dann schaue ich mir im Nachhinein an, ob das hilfreiche Worte waren oder nicht. Wenn ich zum Beispiel etwas „doof“ finde, kann ich stattdessen sagen, dass ich das „anders“ finde. „Hilfreich“ ist auch ein gutes Wort, oder „günstig“. Ein Verhalten kann auch „ungünstig“ für mich sein, anstelle von „doof“. Hilfreich ist auch: „Ich habe das Gefühl ...“

Fazit: Konflikte sollte man ansprechen, aber richtig. Wenn wir gemeinsam ein Ziel erreichen wollen, dann ist die Brücke, dass ich versuche, nachzuvollziehen, warum die andere Person so eine Meinung hat. Und dann stelle ich vielleicht sogar fest, dass man sich bei manchen Punkten einig ist – und bei manchen vielleicht nicht. Natürlich ist das nicht leicht. Aber wenn uns der Mensch oder eine Situation, zum Beispiel in einem Unternehmen, viel bedeutet, dann ist es wichtig, darüber zu reden. Es wird einfach zu viel geschimpft, zu viel „Du bist“ gesagt und zu schnell verurteilt.

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