Das erste Hack aus der Petrischale: Bereits 2013 präsentierte Professor Mark Post von der Universität Maastricht Fleisch, das im Labor gezüchtet wurde. Mittlerweile gibt es zahlreiche Firmen – insbesondere in den USA, den Niederlanden und Israel –, die auf dem Gebiet aktiv sind.

Das erste Hack aus der Petrischale: Bereits 2013 präsentierte Professor Mark Post von der Universität Maastricht Fleisch, das im Labor gezüchtet wurde. Mittlerweile gibt es zahlreiche Firmen – insbesondere in den USA, den Niederlanden und Israel –, die auf dem Gebiet aktiv sind.

Foto: Parry/dpa

Das erste Hack aus der Petrischale: Bereits 2013 präsentierte Professor Mark Post von der Universität Maastricht Fleisch, das im Labor gezüchtet wurde. Mittlerweile gibt es zahlreiche Firmen – insbesondere in den USA, den Niederlanden und Israel –, die auf dem Gebiet aktiv sind.

Heute

Wurst aus dem Bioreaktor
soll die Erde retten

Wir werden künftig Fleisch essen, das außerhalb von Tieren gezüchtet wird – davon ist Dr. Nick Lin-Hi überzeugt. Andernfalls sieht er schwarz für den Klimaschutz. Denn etwa ein Drittel der Treibhausgase, die die Menschen produzieren, kämen aus dem Ernährungssektor, wiederum die Hälfte davon aus der Nutztierhaltung. Bei dem Forumsgespräch „Darwinismus in der Bratpfanne: Die Neuerfindung der Ernährung“, das am 24. Juni im Evangelischen Bildungszentrum stattfindet, möchte der Professor für Wirtschaft und Ethik das Thema beleuchten.

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Was kann man sich unter Laborfleisch vorstellen? Oder sagen Sie lieber Clean Meat, In-vitro-Fleisch oder Cultured Meat? Ich nutze am liebsten den Begriff kultiviertes Fleisch. Der Begriff passt auch viel besser als Laborfleisch, der irgendwie nach einem künstlich hergestellten Lebensmittel klingt.

Ist es denn nicht künstlich? Tatsächlich handelt es sich bei kultiviertem Fleisch um echtes Fleisch. Es riecht so, sieht so aus und schmeckt auch genauso aus wie das uns heute bekannte, konventionell erzeugte Fleisch.

Der Wirtschaftsethikers Nick Lin-Hi.

Der Wirtschaftsethikers Nick Lin-Hi.

Foto: Universität Vechta/dpa

Aber trotzdem ist es nicht das Gleiche…Der Unterschied zwischen konventionell erzeugtem Fleisch und kultiviertem Fleisch ist lediglich die Art und Weise der Herstellung. Für die Erzeugung von konventionellem Fleisch brauchen wir Schritte wie die Aufzucht von Tieren, die Mästung und die Schlachtung. Beim kultivierten Fleisch beginnt es mit einer tierischen Zelle. Diese Zelle wird mit Nährstoffen gewissermaßen gefüttert, und anschließend wachsen Fleischfasern in einem Bioreaktor. Und aus diesen Fleischfasern wiederum können Fleischprodukte hergestellt werden.

Warum sollte die Gesellschaft auf kultiviertes Fleisch umschwenken? Der Konsum von Fleisch verursacht heute eine Reihe von Umweltschäden. Deutlich zeigt sich dies bereits beim Klima. Etwa 15 Prozent der vom Menschen gemachten Treibhausgasemissionen gehen zurück auf die Tierhaltung. Stand heute muss man davon ausgehen, dass dieser Anteil noch größer werden wird. Zum einen aufgrund des Bevölkerungswachstum – im Jahr 2050 werden nahezu zehn Milliarden Menschen auf dieser Erde leben – und zum anderen aufgrund von steigendem Wohlstand, der wiederum mit einem zunehmenden Fleischkonsum verbunden ist. Der Kollaps der Erde droht.

Was bringt kultiviertes Fleisch in puncto Klimaschutz? Es dürfte einen deutlich besseren ökologische Fußabdruck haben. Optimisten gehen davon aus, dass sich etwa die Treibhausgasemissionen auf ein Zehntel reduzieren lassen. Gleichzeitig zahlt kultiviertes Fleisch auf die Ernährungssicherheit ein, da es unabhängig von externen Faktoren wie Klima- und Bodenbedingungen erzeugt werden kann. Insgesamt darf man sagen, dass kultiviertes Fleisch die derzeit größte Wette der Menschheit auf eine nachhaltige Entwicklung ist.

Und was wird es kosten? Das ist eine sehr spannende Frage, da der Preis einen deutlichen Einfluss auf die Verkaufszahlen haben wird. Ich teile an dieser Stelle die Einschätzung der Optimisten, die sagen, dass kultiviertes Fleisch langfristig billiger sein wird als konventionell erzeugtes Fleisch.

Sie lehren seit 2015 an der Universität Vechta – also mitten in der Hochburg der norddeutschen Fleischzeugung. Wie passt es da, dass Sie Verfechter des Kulturfleisches sind? Ich beschäftige mich seit über eineinhalb Jahrzehnten mit der Frage, wie wir als Gesellschaft eine nachhaltige Entwicklung sicherstellen können. Eine wichtige Rolle hierbei spielen Konsumenten. Sie stimmen gewissermaßen an der Einkaufskasse ab, wie viel Nachhaltigkeit die Produkte haben sollen. Auf der einen Seite fordern Konsumenten zwar mehr Nachhaltigkeit von Unternehmen, auf der anderen Seite kaufen sie aber regelmäßig die billigsten Produkte. Bei kultiviertem Fleisch müssen wir uns nicht mehr zwischen Nachhaltigkeit und Preis entscheiden, sondern können beides haben. Für Unternehmen bieten sich hier dann auch ganz neue Geschäftsmöglichkeiten. Ich fände es prima, wenn Norddeutschland in Zukunft beim kultivierten Fleisch mitmischt.

Wie reagieren die Menschen, wenn Sie über das Thema sprechen? Viele Menschen sind erst einmal skeptisch, manche äußern ein diffuses Angstgefühl, und es gibt immer wieder auch mal Stimmen, die kultiviertes Fleisch gleich kategorisch ablehnen. Die Skepsis wird dabei aus ganz unterschiedlichen Richtungen genährt. Eine typische Frage ist etwa: Kann das denn gesund sein?

Und – ist es gesund? Das Schöne an dieser Frage ist, dass sie sich einfach beantworten lässt: Kultiviertes Fleisch ist sogar gesünder, da man etwa keine Antibiotika mehr in der Erzeugung einsetzen musst.

Werden wir es noch erleben, dass dieses Fleisch das herkömmliche Fleisch ersetzt? Kultiviertes Fleisch ist spätestens seit Dezember 2020 keine Science-Fiction mehr. Seither hat in Singapur das erste Restaurant der Welt Chicken Nuggets aus kultiviertem Hähnchenfleisch im Angebot. Ich persönlich rechne damit, dass wir in diesem oder im nächsten Jahr noch weitere Länder sehen werden, in denen Produkte aus kultiviertem Fleisch den Weg auf den Teller finden. Von der technischen Seite ist es so, dass wir aktuell sogenannte unstrukturierte Produkte wie Burger-Patties, Bratwürste oder eben Chicken Nuggets herstellen können. Aber auch das Schnitzel wird langfristig wohl möglich sein.

Wie lange wird es das „alte“ Fleisch noch geben? Ich glaube, dass wir bereits jetzt im letzten Jahrzehnt der konventionellen Fleischproduktion sind. Gleichwohl muss ich auch feststellen, dass viele Akteure in der hiesigen Industrie das anders sehen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Deutschland in Bezug auf kultiviertes Fleisch nicht gut aufgestellt ist. Wir haben hierzu kaum Forschung, und es gibt nur wenige Unternehmen, die sich ernsthaft mit dem Schnitzel von morgen beschäftigen. Hier droht uns in wenigen Jahren der Tesla-Moment: Unsere Industrie wird irgendwann eines Morgens aufwachen und feststellen, dass sie nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

Was müsste jetzt getan werden, um den Anschluss nicht zu verlieren? Was wir jetzt brauchen ist eine riesige, koordinierte Kraftanstrengung von allen Akteuren in der Agrar- und Ernährungsindustrie – angefangen von den Landwirten bis hin zum Einzelhandel und der Politik. Es muss geschaut werden, welche Kompetenzen der Einzelne hat und wie sich diese neu nutzen lassen.

Ein Beispiel: Digitale Kameratechnologien haben das Geschäftsmodell von Fujifilm aufgelöst. Das Unternehmen ist dann in den Bereich Hautpflege gegangen und hat hier seine Kompetenzen im Bereich Oberflächenbehandlung eingebracht. Ich bin mir sicher, dass auch in der Agrar- und Ernährungsindustrie derartige Ansätze möglich sind. Was wir aber jetzt erst einmal brauchen ist die Einsicht, dass die Industrie vor der größten Transformation aller Zeiten steht.

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