Im Tierheim Bremerhaven sind alle Tiere willkommen.

Im Tierheim Bremerhaven sind alle Tiere willkommen.

Foto: Tierheim Bremerhaven

Im Tierheim Bremerhaven sind alle Tiere willkommen.

Heute

Zu Hause wartet brutales Herrchen

Das Land Bremen leistet sich neuerdings einen Tierschutzbeauftragten, dessen Stabsstelle 260000 Euro pro Jahr kostet. Als die Mitglieder des Tierschutzvereins Bremerhaven den Artikel im SONNTAGSjOURNAL lasen, waren sie irritiert. „Wieso wird so viel Geld ausgegeben, obwohl gleichzeitig der Veterinärdienst nicht genug Ressourcen hat, um manche seine Aufgaben zu erfüllen?“, fragen sie sich.

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Dass der Veterinärdienst zu wenig Mittel hat, schließen die Bremerhavener Tierschützer aus der Tatsache, dass Tiere leider zu selten beschlagnahmt würden, obwohl sie in schlimmsten Verhältnissen leben müssten. Auch werde zu selten ein Tierhaltungsverbot ausgesprochen, bedauern Stefanie Rogal, erste Vorsitzende des Vereins, sowie Amelie Bensch, Leiterin des Tierheims, das von dem Verein betrieben wird.

Hund gewürgt und gequält

Denn es gebe so manches Mal besonders dramatische Fälle. Das erste Beispiel, das Bensch und Rogal nennen, liegt zwar etwas zurück. Es verdeutlicht ihrer Meinung nach aber gut das Problem. Ende 2019 hatte ein betrunkener und unter weiteren Drogen stehender Mann seinen Hund in der Innenstadt getreten und gewürgt. Das eingeschüchterte Tier kam ins Tierheim. Wenige Tage später musste es auf Anweisung des Veterinärdienstes an seinen Besitzer zurückgegeben werden. Der Bremerhavener Tierschutzverein reichte daraufhin eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Leiterin des Veterinärdienstes in Bremen ein.

Nur noch Haut und Knochen

Das zweite Beispiel liegt nicht lange zurück. Eine Hundefriseurin hatte einen Cocker Spaniel im Tierheim abgegeben, weil sie ihn nicht an seinen Besitzer zurückgegeben wollte. Grund: Das Tier sei quasi nur noch ein Skelett mit Haut gewesen, berichten Rogal und Bensch. Außerdem sei eine Kralle des Tiers so stark entzündet und deformiert gewesen, dass sie sich von unten durch die Sohle wieder nach oben durch die Pfote gebohrt habe. „Wir haben alles versucht, um den Hund zu retten. Er wurde operiert und medizinisch versorgt“, berichten Rogal und Bensch. Doch er sei gestorben. „Das Schlimme ist, dass der Halter noch einen zweiten Hund zu Hause hat“, schildern die beiden Frauen.Der Veterinärdienst sei jedoch nicht aktiv geworden, obwohl man ihm die Problematik geschildert habe.

Traurige Beispiele

Bei dem dritten Beispiel geht es um den Hund einer alkoholkranken Frau. Sechsmal sei das Tier schon von der Polizei ins Tierheim gebracht worden. „Mal lässt die Besitzerin es laufen, mal verschenkt sie es“, beschreibt Bensch die Situation. Abgesehen von dem Leid für das Tier und der Gefahr für den Straßenverkehr kosteten die Polizeieinsätze und das Hin-und-Her mit dem Tierheim schließlich auch Geld, meint sie. Erst nach dieser ewigen Odyssee sei der Hund nun endlich beschlagnahmt worden. „Ich frage mich in diesen Fällen immer, was eigentlich noch alles passieren muss, bis der Veterinärdienst tätig wird“, ärgert sich Bensch.

Entscheidungen oft nicht nachzuvollziehen

Was die Motive des in Bremen ansässigen Amtes angeht, tappe der Verein aus der Seestadt im Dunkeln. „Die Gründe dafür, weshalb Tiere oftmals wieder in diese Haushalte zurückgeschickt werden sollen, werden uns nicht mitgeteilt“, bedauert Stefanie Rogal. Möglicherweise habe man einfach nicht genug Personal oder finanzielle Mittel, um die Fälle in Bremerhaven intensiver zu verfolgen. Falls dem Amt die rechtliche Handhabe fehle, wäre es dennoch gut, dies dem Verein zu kommunizieren – natürlich unter Einhaltung des Datenschutzes. „Wir appellieren immer an die Bürger, lieber einmal mehr als einmal zu wenig den Tierschutz zu informieren, wenn sie einen möglichen Missstand beobachten“, führt Rogal aus.

Wenn dann so etwas wie in den genannten Beispielen passiere, sei es für die Bevölkerung nicht mehr nachvollziehbar, warum man sich überhaupt noch engagieren solle, fürchtet sie. Und auch für die Tierpfleger sei dieses Vorgehen demotivierend.

Amt sieht rechtliche Hürden

„Uns berühren die Tierschicksale sehr“, fasst Bensch zusammen. „Aber noch mehr trifft es uns, wenn wir die Tiere wieder in ihr schlechtes Zuhause zurückschicken müssen. Wir sind verzweifelt und frustriert“, stellt die Tierheimleiterin klar.

Was sagt der Veterinärdienst des Landes Bremen dazu? „Es ist in der Tat so, dass die rechtliche Handhabe der zuständigen Behörde äußerst schwierig ist“, teilt das Amt auf Nachfrage mit. Der Dienst müsse sein Ermessen, auf dessen Grundlage es handelt, gerichtlich vertreten können. „Das heißt, es muss geeignet, erforderlich und verhältnismäßig im engeren Sinne sein – auch im Sinne der Grundrechte der Betroffenen“, führt die Behörde weiter aus. „Da wird es dann häufig sehr schwierig, weil es eine komplexe Einzelfallbewertung ist.“

Fehlende Befugnisse

Tiere könnten nicht „einfach“ weggenommen werden, wenn die tierschutzwidrigen Verhältnisse durch andere Anordnungen abgestellt werden können. „Selbst bei Wegnahme von Tieren muss dem Besitzer oder der Besitzerin die Möglichkeit eingeräumt werden, die ordnungsgemäßen Verhältnisse wieder herzustellen, um dann das Tier zurückzugeben“, heißt es weiter. Grundlage des amtlichen Tierschutzhandelns und damit die Basis der Tätigkeit des Veterinärdienstes sei der wissenschaftliche und rechtliche Tierschutz. Dabei erfolge eine tiergerechte Bewertung auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zum Tierverhalten unter Anwendung der geltenden tierschutzrechtlichen Vorgaben. 2020 seien im amtlichen Tierschutz 695 Kontrollen aufgrund von 475 Beschwerden im Land Bremen vorgenommen worden. Aus diesen Kontrollen resultierten 71 Ordnungswidrigkeitsverfahren. 40 Strafverfahren wurden an die Staatsanwaltschaft abgegeben. Darüber hinaus wurden 23 Verwaltungsverfahren eingeleitet, wobei in 16 Fällen die Tiere fortgenommen wurden. Fünf Mal wurde ein Tierhaltungs- und Betreuungsverbot ausgesprochen.

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